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Guten Tag Herr Beethoven

[2 CDs]

Bonn geht mit Beethoven so um wie mit einem, der vergessen hat, sich beim Einwohnermeldeamt abzumelden: er ist zwar hier gemeldet, aber doch eigentlich in Wien, also sollen die doch gucken. Nur: daran sind nicht die Bonner allein schuld. Es liegt an Schindler und dem 19. Jahrhundert. Die beiden haben aus Beethoven einen derartigen Überflieger gemacht, dass kein richtiger Bonner Lust verspürt, so ein titanisches Überwesen als einen von uns anzusehen. Und diese Legenden wurden konsequent weitergestrickt. Beethoven als der um jeden Ton Ringende, von seinem Genie gepeitscht, von seinem Künstlerbewusstsein gezwungen, nur dem Erhabenen und Wahren zu leben, die Fackel der Menschheit quasi, man muss nur Ewald Balser als Beethoven sehen, um zu verstehen: so kann es nicht gewesen sein. Und so war es auch nicht. Es war ziemlich anders:
Uns Ludwig war ein mit allen Wassern des damaligen Showbiz gewaschener Tastenlöwe, er pflegte sein Image als bärbeißiger Frauenheld durch betont unkonventionelles Verhalten, im Geschäftsleben war er ein durchtriebenes Schlitzohr, dem (fast) jedes Mittel recht war, er hatte den typisch rheinischen Blick fürs Reale und entsprechenden Humor und er war natürlich Alkoholiker, aber hallo.
Vater Johann hatte eine Weinhandlung, er starb quasi im Delirium, Ludwigs Oma war so ‘jot dabei’, daß sie nach Köln in ein Heim eingeliefert wurde (für damals heißt das wirklich was!) und er selbst trank in Wien (also immerhin an die 3o Jahre lang) pro Tag im Schnitt zwei Flaschen Weiß- und eine Flasche Rotwein. Er hatte halt nicht die Ausgeglichenheit eines Giuseppe Verdi - ebenfalls Weinhändlerssohn. Wenn Freunde da waren, kam schon mal die ein oder andere Flasche Schaumwein dazu. Daran starb er ja auch (chronische Pankreatitis mit Leberzirrhose, aber er war ja auch ein wenig folgsamer Patient und seine Ärzte suchte er nach nur einem Kriterium aus: ob sie ihm Dinge sagten, die er hören wollte oder nicht) und selbst seine letzten Worte scheinen dem Wein gegolten zu haben: am Todestag kam um viertel vor eins Hofrat Breuning, Arzt, Bonner und engster Freund, mit einem Kistchen von Beethoven bestellten Rüdesheimer Weins ins Krankenzimmer. Beethoven schaute auf die Flaschen, sagte „Schade, schade...zu spät“ und versank in Agonie (er starb so gegen sechs Uhr abends). Schindler, sein erster Biograph, hat das halbe Leben Beethovens verbogen, um den Eindruck des Trunkenbolds zu verwischen.
Er eroberte Wien zunächst mal eher als Pianist denn als Komponist. Da ließ er aber auch nichts aus, was „imageförderlich“ sein konnte. Graf Fries veranstaltete ein Duell zwischen Steibelt, einem der größten Klaviervirtuosen seiner Zeit, und Beethoven. Man haut einander die Arpeggi um die Ohren und Ludwig ist schon dabei, den Lorbeer zu erringen, da setzt er noch einen drauf: er schnappt sich ein Notenblatt von Steibelt, dreht es - aber so, dass es alle sehen konnten - auf den Kopf und improvisiert aus den auf den Kopf gestellten Noten aus dem Kopf Variationen, die Steibelt mit roten Ohren aus dem Saal und aus Wien (das er nachts fluchtartig verließ) fegten. Er hat also nicht nur gegen ihn gewonnen, er hat ihn fertig gemacht. Und ganz Wien sprach davon.
Er hatte zwar nie eine Ehefrau, aber Affären genug, wenn sie auch nie lange hielten. Freund Breuning wundert sich in seinem Tagebuch darüber, dass Beethoven, obwohl meistens unrasiert, ungepflegt und z.B. im Zimmer herumspuckend, sehr viel Glück bei den Frauen gehabt habe. Aber das kennt man ja: Klavier spielen, komponieren, etwas ungepflegt auftreten und das alles mit einem machomäßig pockennarbigen Gesicht, dem auch etwas Animalisches anhaftet: da sind sie fertig, die Frauen. Aber man kennt auch, dass das nie lange hält. Also war er in all seinem Erfolg natürlich einsam und trauert gerade den nie Erreichbaren hinterher, wie sein Brief an die unsterbliche Geliebte zeigt.
Geschäftlich clever war er auch, esu ei richtig rheinisch Schlitzohr. Aber das musste man damals wohl sein, gab ja noch keine GEMA. Er verkaufte seine Kompositionen gleich mehreren Verlegern gleichzeitig (ab und zu jedenfalls), wunderte sich über deren Zorn, ließ quasi Extra-Ausgaben verfassen, die er für 5o Gold-Dukaten verkaufte und holte mit persönlichen Widmungen seiner Werke noch mal Kohle raus. Und wenn das nicht reichte, bot er das ein oder andere Werk auch noch zur Subskription an. Mehrfachvermarkter also, damit seiner Zeit - möchte ich sagen - geschäftlich weit voraus. Vielleicht ist ein Meister an merchandizing an ihm verloren gegangen!
Und entgegen allen Schindler-Äußerungen hatte er Humor, wenn auch rheinisch-bissigen. So sagte er über die Wiener: „Eigentlich hätte in diesen Zeiten jetzt eine Revolution ausbrechen müssen. Aber ich glaube, solange der Österreicher noch braunes Bier und Würstel hat, revoltiert er nicht“! Hier trifft er doch das Wiener Lebensgesetz: „Da muss was g’schegn - aber da kann man nix mach’n“ mitten ins Herz! Und seine Musiker hat er besonders gerne reingelegt. Proben zum Scherzo einer Sinfonie. Das Scherzo beinhaltet Rhythmuswechsel. Natürlich sagt der Dirigent Beethoven vorher kein Wort davon, lässt spielen und freut sich diebisch darüber, dass es die Herren aus dem Sattel wirft. Und weil er seine Wiener kennt, die nur ins Konzert gehen, um zu verdauen und gesehen zu werden, besetzt er die Hörner doppelt, um die Herrschaften aus den Sitzen zu schleudern!
Mit einem Wort: er war ein toller Hecht, uns Ludwig, und wert, dass wir ihn gebührend feiern. Daß er daneben auch noch selbstbewusst war ohne wirklich nervig zu sein und Musik schrieb, wat Dr dä Droht us dr Kapp treck, noch schöner.
Das alles ist in dem Komponistenporträt drin. Und das schönste daran: es ist amüsant und trotzdem stimmt alles, was ich da über unsere Ludwig erzähle!

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Medium: CD |
Jahr: 1993 |
ISBN/Best.Nr: EMI 4782402 |
Verlag: EMI Classic |
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| Name: Ritva Wassmund |
Datum: 09.09.2005 13:31 Uhr |
| Meinung zu: Guten Tag Herr Beethoven |
Website: |
| Schönen Dank für den wunderbaren Abend am 8.9. in Helsinki! Kommen Sie bitte bald wieder! |
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