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Internview Kölner Stadtanzeiger: "Ich ging zur Demo, sie hat geputzt"
 „Ciao, ciao, bambina“ singt der gebürtige Südtiroler heute in Köln. Mit ihm sprach Marianne Kolarik.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Wofür oder wogegen würden Sie auf die Straße gehen?
KONRAD BEIKIRCHER: Gegen Arroganz, die sich im politischen Bereich als Machtanmaßung manifestiert - in dem Sinne, dass sich jemand Rechte herausnimmt, die ihm nicht zustehen. Oft ist diese Arroganz mit Dummheit gepaart, gegen die ich auch gerne zu Felde ziehen würde. Außerdem würde ich gegen Kindesmissbrauch, Ausländerfeindlichkeit und Intoleranz im weitesten Sinne protestieren.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Sind die Montagsdemos im Lande Ihrer Meinung nach eine adäquate Reaktion auf Hartz IV?
BEIKIRCHER: Auf die Straße zu gehen ist im Prinzip immer in Ordnung. Ich komme ja von meiner politischen Grundausbildung her aus Italien. Da sind Streiks viel normaler als hier. Aber die „Hartz IV“-Proteste „Montagsdemos“ zu nennen, finde ich überzogen. Es drohen ja niemandem Sanktionen.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: In Italien ist im Gegensatz zu Deutschland die Demo als einfacher Akt politischer Willensäußerung erlaubt - hier muss jede angemeldet und genehmigt werden.
BEIKIRCHER: Das demokratische Bewusstsein ist in Italien viel selbstverständlicher. Es hat niemand Angst, auf die Straße zu gehen. Der Berlusconi bleckt zwar immer mal die Zähne, aber dagegen kann er gar nichts machen. Das hat die Demo-Bereitschaft gestärkt. Das macht die Italiener sorgloser. Wir Deutschen sollten auf der Hut sein, weil wir eine ganz junge Demokratie sind. Gerade in Zeiten der Krise zeigt sich das demokratische Bewusstsein. Bei diesen Anti-Hartz-Demos sollte man genau hingucken, wer dahinter steckt. Ich glaube, dass bei dem Spiel mit der Unzufriedenheit die Drahtzieher daran interessiert sind, die Zustände zu destabilisieren. Hitler ist ja auch in wirtschaftlich engen Zeiten gewählt worden.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Haben Sie zwei Pässe?
BEIKIRCHER: Ich habe nur die deutsche Staatsbürgerschaft - seit 1976. Die italienische musste ich damals abgeben, weil ich militärpflichtig war. Ich könnte jetzt beide haben. Dann bekäme ich in Italien eine Finanzamtsnummer und könnte dort Geschäfte tätigen.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Sie haben fünf Kinder - wie bringen Sie denen bei, dass man sich wehren kann und soll?
BEIKIRCHER: Lange bevor ich selber Kinder hatte, war ein Satz des Philosophen Georg Lukács für mich bindend: „Der Sozialismus fängt in der Familie an.“ Gekoppelt mit dem psychologischen Begriff der Reversibilität, also der Umkehrbarkeit. Beides bedeutet: Ich muss bereit sein, mich jederzeit von den Menschen, mit denen ich zusammenlebe, in Frage stellen zu lassen. Es gibt keine selbst ernannte Autorität, die nicht ständig auf dem Prüfstand steht. Kindern muss man Mut zum Widerspruch machen, damit sie nicht einfach alles hinnehmen.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Was man dann auch aushalten muss.
BEIKIRCHER: Das ist nicht immer einfach. Man bekommt Dinge unterstellt und wird mit Strategien konfrontiert - da ist man fertig mit der Welt. Aber ich muss immer bereit sein, Entscheidungen zu revidieren, mich zu entschuldigen. Für mich ist das das Normalste von der Welt.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Das scheint vielen Erwachsenen schwer zu fallen - nicht zuletzt den Politikern.
BEIKIRCHER: Da haben wir in Köln schöne Beispiele: Wenn etwa ein Politiker, der bis über die Ohren in eine Affäre verwickelt ist, öffentlich sagt, damit habe er überhaupt nichts zu tun, allerhöchstens am Rande. . .
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Sie haben im Jugendstrafvollzug gearbeitet. Kann man die Kriminalität von Jugendlichen als eine Form von Widerstand gegen die gesellschaftlichen Zwänge interpretieren?
BEIKIRCHER: Sicher nicht als bewusster, sondern als unbewusster Protest gegen die Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Die produzieren Langeweile, die offen macht für Einflüsse von allen Seiten, auch die schlechten. Es gibt so eine dumpfe So-geht-das-nicht-mehr-weiter-Haltung.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Sie gehören zur 68er Generation. Damals wurde man aus bestimmten Kreisen ausgeschlossen, wenn man nicht auf alle Demos ging.
BEIKIRCHER: 1968 hat man Demonstrieren zur hohen Tugend erhoben. Ich habe die Demos alle mitgemacht. Ich erinnere mich noch gut an einen Samstagmorgen, als ich zu einer Demonstration für die Rechte der Frauen gehen wollte. Meine damalige Lebensgefährtin und ich teilten uns die Arbeit auf: Ich ging zur Demo und sie hat sauber gemacht. Plötzlich wurde mir bewusst, was für eine komisch absurde Situation das ist: Sie putzt und ich demonstriere für die Frauenemanzipation.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Wieso hat es in Deutschland so lange gedauert, bis die Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg rehabilitiert worden sind?
BEIKIRCHER: Noch heute sind die Deserteure nicht rehabilitiert. Wer 1944 sehenden Auges gesagt hat: Diesem Staat diene ich nicht mehr, der gilt immer noch als Deserteur. Da sind wir an der Wurzel: Wenn in Deutschland eine Ordnung platziert ist, dann ist es verpönt, wider diesen Stachel zu löcken. Das darf man einfach nicht. Ich glaube, dieser nationale „Untertan“-Charakterzug löst sich erst auf, wenn die Ländergrenzen aufgehoben sind, wenn Europa wirklich eine politische Union ist.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Ein Erziehungsprinzip bestand darin, bei kleinen Kindern erst einmal den eigenen Willen zu brechen.
BEIKIRCHER: Das fing bei der Sauberkeitserziehung an. Der Kinderpsychologe Bruno Bettelheim und der Soziologe und Philosoph Theodor W. Adorno haben die strenge Sauberkeitserziehung für den Nazi-Charakterzug verantwortlich gemacht. Bei einer Untersuchung war herausgekommen, dass Kleinkinder in keinem Land der Welt so früh und so lange auf dem Töpfchen sitzen müssen wie hier. Aber da hat sich viel getan. Das macht mir Hoffnung.
Kölner Stadtanzeiger online
30.08.2004 www.ksta.de
Alle News im Überblick:

17.09.2009 Konzertkritik

25.05.2009 Konrad Beikircher: Von der Autowerkstatt in die Antike

20.01.2008 Benefiz

19.11.2007 Krefelder Krähe für Dieter Hildebrandt

15.08.2007 Balladen, Rock und viel, viel Liebe

13.04.2007 Bohème suprême

19.01.2007 Beitrag im Kölner Stadt-Anzeiger: Beethoven und die Segnungen des Rheinlands

07.12.2006 Die rheinische Neunte

30.08.2006 Mozart geht Essen mit mir

08.12.2005 Die ZEIT und die FAZ und der Don Camillo und ich

15.10.2005 Aalkönigs Inthronisierungsrede

06.10.2005 Beethovens Fidelio in Bonn

05.10.2005 General-Anzeiger Bonn zum Fidelio-Abend

02.09.2005 Rheinischer als ein Rheinländer

29.06.2005 Ab sofort im CD-Fachhandel (Vertrieb EDEL) erhältlich:

30.05.2005 Leska in Japan III

29.05.2005 Italienische Momente

24.05.2005 Leska in Japan II

05.04.2005 Leska B. in Japan

08.03.2005 Hanns Dieter zum 8o.

08.03.2005 "Ein Seufzer kostet einen Zehner und ein Gähnen deren zwo",

07.01.2005 Premiere "Altes und Neues zwesche Himmel un Ääd" und zum Hörbuch „Palazzo Bajazzo“

05.01.2005 Opfer der Flutwelle

05.11.2004 Rezensionen vom Online Musik Magazin

30.08.2004 Internview Kölner Stadtanzeiger: "Ich ging zur Demo, sie hat geputzt"

18.08.2004 "Man muss das Leben offensiv angehen."

06.08.2004 Ciao Ciao Bambina

23.06.2004 Start der neuen Website von Konrad Beikircher

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10.09.2010 20.00Uhr Konrad Beikircher + Band: "Amore e passione" Bergkamen Studiotheater Tickets: 02307/965 464
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