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Leska B. in Japan

Eben noch, liebe Heimatseiten-Besucher, lag sie in meinen Armen, grauverschmiert, krähend und großartig und jetzt ist sie erwachsen und in Japan. Seit einem halben Jahr arbeitet sie als Japanologie-Studentin in einem Kindergarten in Tokyo, was mich schon sehr stolz macht. Daß sie obendrein auch schreibt, macht mich noch stolzer. In den nächsten Monaten werde ich Ihnen das ein oder andere davon zu lesen geben. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen!


Gestern in Shibuya

Gestern habe ich mir ein Handy gekauft, nachdem ich diese Aktion so lange wie möglich vor mir hergeschoben habe. Da ich Vormittags im Kindergarten war wegen eines Konzertes (ich arbeite in Yokohama in einem phänomenal riesigen Kindergarten, der nicht nur 238 Kinder beherbergt sondern auch noch allerlei Wochenendaktionen anbietet) und anschließend so müde, daß ich mich erst mal ausruhen mußte, bin ich erst so gegen 5 nach Shibuya gefahren, um meinen Kontostand zu checken, Lesestoff zu besorgen und mir endlich endlich ein Handy anzuschaffen, damit ich mich so richtig japanisch fühlen kann.
Ich hasse Japan nach Sonnenuntergang (und wegen der vielen Berge fängt es hier um halb 4 an zu dämmern), wenn all die schrill-hysterischen Freaks auf einmal auftauchen und die sonst normal überfüllten Straßen restlos überbevölkern; ich frage mich, wo all diese Menschen wohnen.
Etwas genervt von dem allgemeinen Gedrängel, was garnichtmal so schlimm wäre, würden die Leute ab und zu gucken wo sie hingehen, oder einfach etwas rücksichtsvoll sein (tatsächlich bleiben Rücksicht, Freundlichkeit und das angeklebte Lächeln allabendlich im Büro oder der Firma zurück und weichen der Ellbogenmentalität), anstatt sich gegenseitig anzurempeln, oder sich die Sitzplätze in der U-Bahn wegzunehmen, schiebe ich mich die breiten Stufen zum Hachiko-Ausgang hoch und schlurfe—alle Japaner schlurfen, es ist eine Art gesellschaftliches Muß und man eignet es sich schneller an, als einem lieb ist—in Richtung Citibank, wo ich letzte Woche mein Konto eröffnet habe, weil die Jungs bei Japans größter Bank, Mizuho, mich als dumme Ausländerin für blöd verkaufen wollten (in der Tat ist Diskriminierung hier wirklich ein Problem, weil es auf einem sehr subtilen Level geschieht und nicht besonders offensichtlich ist), und ich hoffe, daß mein Vater mir mein Geld überwiesen hat. Nachdem ich mich zweimal vertippt habe (‚Neiin, ich will nichts einzahlen!’) spuckt der ATM-Geldautomat die gewünschte Information aus: „Ihr aktueller Kontostand beträgt 0Yen. Wünschen Sie eine Quittung?“ Ich lasse mir die Quittung aus Versehen ausdrucken.
Mich durch Menschenmassen, psychedelische Micky-Maus-Weihnachtsmucke und euphemistische Lichterketten schiebend, erreiche ich schließlich unbehelligt ‚Book 1st’ eine große Ladenkette und stiefele die Rolltreppe (normale Treppen gibt es hier nicht, wozu auch?, keiner benutzt sie!) hoch in die Fremdsprachenabteilung; finde, was ich haben will, bezahle („Möchten Sie Umschläge für die Bücher haben?“ und mein höfliches „Nein, danke“ macht den Verkäufer nervös: alle Japaner möchten Umschläge um ihre Bücher) und wage mich wieder raus. Wenn es möglich ist, sind die Straßen in der letzten halben Stunde noch voller geworden, überall piept es, überall tönt es, aus allen Geschäften dröhnt Musik und vermischt sich zu einem betäubenden Crescendo diverser Stilrichtungen. Zugegebenermaßen empfinde ich den Geräuschpegel als angenehm, auch die Handies und die krakeelenden Teenager stören mich nicht, bloß das Angerempele geht mir auf den Keks. Mittlerweile ist es völlig finster, nur die Straßenzüge werden von Lichterketten und riesigen Videoleinwänden erleuchtet. Es ist halb 6. Ich passiere überfüllte Pubs, Restaurants vor denen die Leute Schlange stehen und auf Sitzplätze warten (das ist abends Gang und Gebe in Japan; es ist mir ein Rätsel, warum man abends essen geht, wenn es mittags erstens um einiges leerer und vor allem um einiges billiger ist, denn mit Anbruch der Dunkelheit steigen die Preise!), kreischende Spielhallen und kichernde Mädchengruppen. Einer der unzähligen Straßenhändler bietet flüssiges Ecstasy für mehrere hundert Euro an. Ich frage mich, wie viele der leichtbekleideten Teenager (es sind sicherlich so an die 18 Grad) Prostituierte sind. Ich frage mich außerdem, wo ich ein günstiges Handy finde und biege in den Sakuraya ein, ein großes Elektrogeschäft wo es alles rund um die Steckdose gibt und ein junger Verkäufer lächelt mich an und bittet mich, mich in Ruhe umzusehen—ich halte das für eine sarkastische Bemerkung, denn der Laden ist so überfüllt, daß man nicht mal einen geeigneten Stehplatz findet. Der junge Mann steht neben mir und ist unsicher, also grinse ich ihn an und erkläre, daß ich ein Handy möchte, mich aber nicht auskenne. Wir diskutieren, er zeigt mir einige Monatspreise für Jahresverträge, alles im Rahmen des bezahlbaren und fragt, ob ich eines der Handies für 1 Yen (das sind ca 1 Cent, und ist das Äquivalent zum 1€ Handy in Europa) möchte. Ich sagte ja, denn warum mehr dafür bezahlen und er zeigt mir diverse Geräte, alle mit Internet, die meisten mit Kamera. Ich entscheide mich für ein rosafarbenes Ericson und lasse mir den Internetzugang freischalten und eine Mailaddresse zuweisen, bezahle meinen Yen und muß eine Stunde warten, ehe alles fertiggestellt ist, während der ich in einem vollen Café einen Royal Milk Tea schlürfe und eines meiner neuen Bücher anfange. Nach 20 Minuten wechsele ich die Lokalität, da neben mir an einem der Stehtische eine Gruppe Hip-Hopper kollektiv angefangen hat zu rauchen und lasse mich in einem der vielen Fast-Food Restaurants nieder mit einem Orangensaft und dem gleichen Buch. Am Tisch neben mir sitzen zwei Schickeria-Prinzesschen und unterhalten sich über Nägel, oder Make-Up. Ich komme mir maßlos underdressed vor neben den ganzen aufgetakelten Japanerinnen und hoffe, daß die Sakuraya-Mitarbeiter nicht rausfinden, daß mein Kontostand Null ist.
Sie tun es nicht und eine Stunde später halte ich tatsächlich mein Handy in der Hand und lasse mich vom Mob in Richtung U-Bahn zerren, wo ich meinem Bruder eine Email schicke—wie konnte ich nur bis jetzt ohne Internet auf meinem Handy leben?—und feststellen muß, daß mein megageiles Teil keine SMS Funktion hat, offenbar für japanische Verhältnisse ein vorsintflutliches Gimmick.
Alles, was ich jetzt noch brauche ist ein Glücksbringer für die Antenne. Ich knie noch bis spät in die Nacht Reis essend am Tisch, vertieft in die unverständliche, da japanische, Gebrauchsanweisung und fühle mich als Handybesitzerin endlich gesellschaftlich akzeptabel.
Leska Beikircher 11.2’4




Alle News im Überblick:

17.09.2009 Konzertkritik

25.05.2009 Konrad Beikircher: Von der Autowerkstatt in die Antike

20.01.2008 Benefiz

19.11.2007 Krefelder Krähe für Dieter Hildebrandt

15.08.2007 Balladen, Rock und viel, viel Liebe

13.04.2007 Bohème suprême

19.01.2007 Beitrag im Kölner Stadt-Anzeiger: Beethoven und die Segnungen des Rheinlands

07.12.2006 Die rheinische Neunte

30.08.2006 Mozart geht Essen mit mir

08.12.2005 Die ZEIT und die FAZ und der Don Camillo und ich

15.10.2005 Aalkönigs Inthronisierungsrede

06.10.2005 Beethovens Fidelio in Bonn

05.10.2005 General-Anzeiger Bonn zum Fidelio-Abend

02.09.2005 Rheinischer als ein Rheinländer

29.06.2005 Ab sofort im CD-Fachhandel (Vertrieb EDEL) erhältlich:

30.05.2005 Leska in Japan III

29.05.2005 Italienische Momente

24.05.2005 Leska in Japan II

05.04.2005 Leska B. in Japan

08.03.2005 Hanns Dieter zum 8o.

08.03.2005 "Ein Seufzer kostet einen Zehner und ein Gähnen deren zwo",

07.01.2005 Premiere "Altes und Neues zwesche Himmel un Ääd" und zum Hörbuch „Palazzo Bajazzo“

05.01.2005 Opfer der Flutwelle

05.11.2004 Rezensionen vom Online Musik Magazin

30.08.2004 Internview Kölner Stadtanzeiger: "Ich ging zur Demo, sie hat geputzt"

18.08.2004 "Man muss das Leben offensiv angehen."

06.08.2004 Ciao Ciao Bambina

23.06.2004 Start der neuen Website von Konrad Beikircher




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