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Leska in Japan III

Ein Vormittag im Kindergarten
oder
Du weißt, daß du lebst, wenn...

Morgens, viertel vor 8, in Japan: Völlig verlottert von der letzten durchzechten Nacht (mit dem Laptop) und körperlich am Ende von der Einstündigen U-Bahnfahrt fällt Leska B., ihres Zeichens Praktikantin im Iijima Kindergarten, aus dem Bus und tritt in eine Pfütze — die einzige auf der ganzen Straße, übriggeblieben von den letzten 7 Tagen Taifunregen. Leise vor sich hin fluchend und in Gedanken schon beim zweiten Frühstück, betritt besagte Leska den Kindergartenparkplatz und schleudert dem Kindergartenbusfahrer, der einem der beiden grünen Busse den letzten Schliff verpaßt, ein fröhliches „Ohayô gozaimasu!“ entgegen, das besser klingt, als sie sich fühlt. Als wären Zug, Bahn und Busfahrt nicht schon genug der Tortur gewesen, muß nun ein verdammt steiler Hang hochgekraxelt werden, dessen verfallene Treppenstufen das Wort unregelmäßig erfunden zu haben scheinen. Eine gefährliche Serpentine im Aufstieg, eine weitere Kurve und man hat fast das Kindergartentörchen erreicht, das den inneren Spielraum von der Außenwelt, zumindest optisch, abgrenzt. Das letzte Hindernis vor einem arbeitsreichen Tag stellt das komplizierte 3-Schlösser-System des Holztörchens dar, aber auch dieses wird nach einem ersten mißglückten Versuch und viel Fingerspitzengefühl, mit Bravour gemeistert. Leska B. betritt die Kindergartenanlage. Rechts von ihr ein Abenteuer-Holzhaus, das sich bis in die Bäume erstreckt, links ein Klettergerüst sowie eine Mini-Seilbahn. Weiter hinten der Sakurabayashi — das Tiergehege, wo diverse Hühner, mehr Kaninchen, einige Vögel und 4 Ziegen ihr fröhliches Dasein fristen, ab und an unterbrochen von hysterisch kreischenden Kindern, die die Karnickel jagen und die Hühner aufscheuchen, anstatt das Gehege zu fegen und den Tieren Futter zu geben.
Doch auch hieran geht Leska B. schnurstracks vorbei — jedoch nicht ohne die Tierwelt im allgemeinen zu grüßen — und schleppt sich zum Eingangsbereich des Lehrerzimmers, wo sie umständlich ihre Draußen-Schuhe aus - und ihre Drinnen-Schuhe anzieht, vorbeikommenden Lehrern, Müttern oder Kindern einen frischen „Guten Morgen!“ wünschend; durch das tatsächliche Lehrerzimmer hindurch („Ohayô gozaimasu!“), hinter dem Zimmer wieder ins Freie tretend, eine schmale Wendeltreppe erklimmend, und schließlich auf dem Dach in eine winzige Baracke stolpernd („Ohayô!“): Der Frauen Umkleideraum! Hier wird aus einer verwahrlost-verpennten Leska B., Leska-sensei, die immer freundlich-fröhliche Lehrerin, in deren Taschen man stets ein Taschentuch und ein Pflaster und vielleicht sogar eine Eichel findet.
Es folgt daraufhin die erste Tätigkeit von Leska-seinsei: Fegen (nicht ohne vorher ein Brot gegessen zu haben, versteht sich). Hierbei hat sie, inzwischen durch viele Millionen Sandkörner Erfahrung gesammelt, bereits in kürzester Zeit eine eigene Technik entwickelt, mit der sie sich letzte Woche bei Olympia 2008 angemeldet hat. Es ist viertel nach 8.

Um halb 9 ist Besprechung, hier wird der Tag durchgegangen, Problemfälle diskutiert, anstehende Feierlichkeiten vorbereitet — an dieser Stelle könnte jede Menge mehr stehen, aber Leska-sensei ist mit ihren Gedanken meist in musische Zwiegespräche vertieft, oder generell abwesend und hört daher meistens nicht richtig zu; wie sonst eigentlich auch, keine besondere Veränderung an dieser Stelle.

„Tut mir leid, ne; Tut mir leid, ne!“, wiederholen Ryô-kun und Akira-kun in einem zweistimmigen Chor, als die zwischen ihnen sitzende Mana-chan aufgrund einer weniger ernst gemeinten Beleidigung in theatralische Tränen ausbricht. Die restlichen 6 Kinder der Goldmedallien-Gruppe starren ins Leere, und folgen den Worten des Lehrers, der Sicherheit beim bevorstehenden Zoobesuch erklärt, mehr oder weniger überhaupt nicht; einige andere haben ganz abgeschaltet, Katsuya-kun spielt mit seinem T-Shirt herum. Irgendwann gibt Kataoka-sensei auf und entläßt die 30 Kinder aus der Berg-Klasse ins Freie (nicht ohne vorher die obligatorische Gelbe Mütze aufgesetzt zu haben), wo die nächsten 20 Minuten über folgendes passiert:
Daiki-kun und Konsorten schnappen sich jeder eine bis drei leere Milchtüten und verwandeln den Boden um die Turngeräte unter Zuhilfenahme ihrer Schippen in ein Binnenmeer.
Shinnosuke-kun, Händchen haltend mit Yuuma-kun, und Kôji-kun machen sich, bewaffnet mit einem leeren Pappkarton, auf die Suche nach ekligen Insekten oder Würmern, um damit die Mädchen zu ärgern. Jeder Fund wird mit Jubelgeschrei und aufgeregtem Auf- und Abgehüpfe kundgetan.
Mana-chan und Kaho-chan springen selig singend Seilchen.
Masaya-kun fällt, aufgrund akuter Schwindelanfälle, von der Reifenschaukel und fängt gleichzeitig an zu kotzen und zu weinen, was den Rest der Schaukelgruppe nicht daran hindert, trotz mehrmaliger Ermahnung, sich weiterhin wie versessen in die Seilee einzudrehen; Junta-kun knockt dabei einen Drei-Jährigen aus, der zufällig des Weges kommt und einen davonfliegenden Schuh ins Gesicht bekommt.
Eine weitere Gruppe Dreijähriger hockt ehrfürchtig um eine zu früh vom Baum gefallene Mandarine herum (noch im Grünstadium) und überlegt gemeinsam was das wohl ist, und ob man es essen kann — trotz der Tatsache, daß einer von ihnen das Ding gerade öffnet und Stückchen für Stückchen im Schlamm vergräbt.
Natsumi-chan und Natsumi-chan (scheint so eine Art Sarah auf japanisch zu sein) formen Kugeln aus Dreck, die sie später dem erstbesten zufällig daherschlendernden, ahnungslosen Lehrer schenken werden.
Die 4-Jährigen suchen Eicheln, Stöckchen, Steine und sonstige Schätze, füllen sie in leere Joghurtbecher und kleben diese anschließend zu, um daraus Rasseln zu basteln (oder Wurfgeschosse, kommt auf die jeweilige Situation und die eventuelle Anwesenheit eines Lehrers an).
Akira-kun erschießt Hiroki-kun mit einer Eierschachtel.
Hayato-kun steht meditierend im Schlamm (wenigstens hat er sich die Schuhe vorher ausgezogen — was jedoch auch nicht viel nützt, denn nun schmeißt Haruki-kun grölend eine mit Wasser gefüllte Milchpackung in die ohnehin schon überdimensionale Pfütze und alle Beteiligten haben für den Rest des Tages Schlammspritzer im Gesicht und auf den Klamotten und Hayato-kuns Schuhe stehen im Matsch).
Wildes Kriegsgeschrei von sich gebend rasen Matsumoto Kôhei-kun, Yoshihiro-kun und Rin-kun die Rutsche herunter und landen, da Rin-kun auf halbem Wege ausrutscht, gemeinsam im Dreck, stöhnend und schmutzig, aber mit ungebremstem Elan.
Takato-kun spielt mit dem Rest der Mädchen Familie und ist der große Bruder, der liebevoll Ratschläge verteilt, wenn Mai-chan als Mutter nicht mehr weiter weiß, weil alle anderen Babies oder Hundewelpen sind und alle gemeinsam angefangen haben zu schreien.
Moeka-chan gibt wohlweislich und mit den besten Intentionen das Gerücht um, daß Hiiro-chan in Yuuma-kun verliebt sei, was ihr die gerade erwähnte in einem schwachen Moment anvertraut hatte.
In der Sumire-klasse haben 28 4-Jährige aus 50 Kartons und 100 Meter Klebeband Häuser, Autos, Züge und Panzer gebastelt, die nun gnadenlos bespielt werden, mit einem Geräuschpegel, der ansässige Großmütter vermuten läßt, der zweite Weltkrieg sei wieder ausgebrochen.
Yuuki-kun, Ryûhei-kun und Haruna-chan zerbröseln buddhistisch eine weiße Schaumstoffverpackung und erklären vorbeikommenden Fragenden sie würden Reis zubereiten, weil ja gleich Essenszeit sei.
Irgendwo aus den Tiefen einer der Klassenräume jault ein Kind auf, weil es sich den Finger geklemmt hat.

Ähnliche Vorfälle wiederholen sich während („Sensei! Sensei! Mein Reis ist runtergefallen!“) und nach dem Essen („Sensei! Ryûhei-kun ist von der Turnstange gefallen!“), nur kurz unterbrochen vom gelegentlichen Freudengejohle diverser Kindergruppen, die eine Gottesanbeterin gefunden, erfolgreich die Bambusstangen erklommen, oder irgend jemanden im Sandkasten eingebuddelt haben.
Irgendwann ertönt mitten im Spielen der Erdbeben-Feuer-Katastrophen-Probealarm, was 238 Kinder dazu bewegt orientierungslos-hysterisch im Kreis zu rennen, weil sie vergessen haben was sie machen und wo sie hingehen sollen. Ein Teil lacht, einige andere verfallen in panische Heulkrämpfe, Ren-kun verkündet großspurig Das wäre ja nur eine Übung und die Dreijährigen werden auf dem Fluchtweg von einer Ameisenstraße derart abgelenkt, daß sie alles um sich herum vergessen und damit anfangen die Ameisen einzeln in eine lokale Pfütze zu transportieren um zu sehen wie gut die Tierchen schwimmen können. Offenbar davon überzeugt, daß die Übung erfolgreich beendet worden ist als mehr oder weniger der Großteil der Kleinen auf dem anläglichen Sportplatz versammelt ist, werden schließlich alle Kinder zurück in ihre Klassen geschickt.

Und dort folgt das Harmagedon: Kataoka-sensei erklärt mit düsterer Stimme: „Heute basteln wir Utensilien für den Zoobesuch.“
Kaum sind die Worte ausgesprochen, als auch schon 30 Kinder quietschend durcheinander laufen, um Scheren und Kleber zu holen und damit beginnen ihre eigenen individuellen Ideen eines ‚Utensils’ umzusetzen.
Einige Jungs beginnen damit Papprollen zu zersägen — auf die Frage nach dem Grund zuckt Katsuya-kun mit den Schultern und erklärt, man bräuchte so was immer. Eine Gruppe fängt an die eigene Zoo-Karte auf ein Stück Karton zu kleben, wobei Yuki-chan ausprobiert was passiert, wenn man den Finger wirklich lange in den Klebstofftopf taucht. Yamashita Kôhei-kun starrt blickleer auf eine verbeulte Kekspackung und erläutert auf die Frage Was er denn da mache, Er wüßte es nicht, er weiß jetzt selber nicht mehr weiter und er hat vergessen was sie überhaupt machen sollen. Ryô-kun klebt Mana-chan rotes Papier ins Gesicht und Takuya-kun hat angefangen zu heulen, als der Lehrer ihn ermahnt hat endlich still zu sitzen, und es sieht nicht so aus, als würde er heute noch damit aufhören. Yuuki-kun benutzt ein winziges Stück Papier und seinen halben Klebervorrat um den Tokyo-Tower nachzubauen.
Vorbeikommenden Passanten, die einen neugierigen Blick in den Klassenraum werfen würden, würde sich beim Anblick des völlig verwüsteten Zimmers (alles fliegt durcheinander, überall liegen Papiervorräte und Klebereste herum, aus irgendeinem unerfindlichen Grund hat jemand die Kiste mit der Wolle ausgeleert) und fast drei Dutzend jaulenden und grölenden Kindern (einige haben sich mit den Messern geschnitten, einigen ist der Kleber ausgelaufen, manche unterhalten sich einfach nur quer durch den Raum und der ein oder andere krakeelt aus reiner Gewohnheit vor sich hin) unwillkürlich der Gedanke an die Apokalypse, oder zumindest die bevorstehende Sintflut, aufdrängen. Und es ist ein Wunder, daß nach einer dreiviertel Stunde auch die letzte Bastelarbeit stolz fertiggestellt wird und nach einem kurzen Schmollgeschrei Seitens der Kinder auch die Papierreste aufgeräumt werden.

Wenn es schließlich kurz nach 3 ist und auch das letzte Kind in der Azukari-Gruppe auf seine Mutter wartet und der letzte Klassenraum aufgeräumt worden ist, klemmt Leska-sensei sich eifrig hinter ihr Kindergarten-Tagebuch und schreibt nieder, was an diesem Tage alles passiert ist („Heute sind beim Sakurabayashi-Fegen die Ziegen ausgebüchst und alle Kinder rannten hysterisch durcheinander und brüllten ‚Die Ziegen sind draußen! Die Ziegen sind draußen!’, was nicht dazu beigetragen hat, die armen Tiere wieder zu beruhigen.“), natürlich auf japanisch.
Ist sie damit fertig, beginnt die Rückverwandlung in Leska B., nervlich auf dem Zahnfleisch gehende Schriftstellerin, die noch eine halbe Stunde verweilt und an diversen Werken feilt, ehe sie sich der Bahn-Tortur erneut hingibt.

Und so rauscht ein weiterer ereignisreicher Tag verregnet an den Fenstern der U-Bahn vorbei, doch das bekommt Leska B. gar nicht mehr mit, ist sie doch auf ihrem Sitzplatz, bei Berührung mit dem ungemütlichen Stoffbezug, eingeschlafen. Ihr letzter Gedanke als sie in die naß-glitzernde Dunkelheit draußen starrt und im Hintergrund ein beleuchtetes ‚Esso’-Tankstellen-Schild sieht ist, Das könnte jetzt auch irgendwo in Deutschland sein.

c by Leska Beikircher







Alle News im Überblick:

17.09.2009 Konzertkritik

25.05.2009 Konrad Beikircher: Von der Autowerkstatt in die Antike

20.01.2008 Benefiz

19.11.2007 Krefelder Krähe für Dieter Hildebrandt

15.08.2007 Balladen, Rock und viel, viel Liebe

13.04.2007 Bohème suprême

19.01.2007 Beitrag im Kölner Stadt-Anzeiger: Beethoven und die Segnungen des Rheinlands

07.12.2006 Die rheinische Neunte

30.08.2006 Mozart geht Essen mit mir

08.12.2005 Die ZEIT und die FAZ und der Don Camillo und ich

15.10.2005 Aalkönigs Inthronisierungsrede

06.10.2005 Beethovens Fidelio in Bonn

05.10.2005 General-Anzeiger Bonn zum Fidelio-Abend

02.09.2005 Rheinischer als ein Rheinländer

29.06.2005 Ab sofort im CD-Fachhandel (Vertrieb EDEL) erhältlich:

30.05.2005 Leska in Japan III

29.05.2005 Italienische Momente

24.05.2005 Leska in Japan II

05.04.2005 Leska B. in Japan

08.03.2005 Hanns Dieter zum 8o.

08.03.2005 "Ein Seufzer kostet einen Zehner und ein Gähnen deren zwo",

07.01.2005 Premiere "Altes und Neues zwesche Himmel un Ääd" und zum Hörbuch „Palazzo Bajazzo“

05.01.2005 Opfer der Flutwelle

05.11.2004 Rezensionen vom Online Musik Magazin

30.08.2004 Internview Kölner Stadtanzeiger: "Ich ging zur Demo, sie hat geputzt"

18.08.2004 "Man muss das Leben offensiv angehen."

06.08.2004 Ciao Ciao Bambina

23.06.2004 Start der neuen Website von Konrad Beikircher




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