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Mozart geht Essen mit mir
 Am 16. September, was ein Samstag ist, treffe ich Mozart in Essen in der Philharmonie. Haben Sie Lust, dabei zu sein? "Die Schuldigkeit des ersten Gebots" heißt das kleine geistliche Oratorium, das der elfjährige Mozart in Salzburg geschrieben hat und das ist ein kleines Juwel. Wenn Sie wissen wollen, was es eigentlich bedeutet, wenn einer ein Wunderkind ist, hier können Sie es hören: es ist unglaublich, was der kleine Bengel bereits für Einfälle hatte und was für eine wunderbar leichte Musik er hat schreiben können. 5 Solisten singen, daß es einem warm wird, ein großes Orchester spielt, daß es einen nur noch freut und ich erzähle, worum es in diesem heiteren Oratorium geht. Wer genau singt und spielt können Sie nachgucken, wenn sie "On Tour" da oben anklicken und auf den 16. September gehen. Da drücken Sie rechts auch "Philharmonie Essen" und schwupp! wie durch Zauberhand sind Sie auch schon da. Ich freue mich sc hon unbändig auf dieses Konzert und darauf, Sie dort zu treffen - ein paar Karten gibt es noch. Falls Sie nun abaer gar keine Zeit haben und dennoch alles über die "Schuldigkeit" wissen wollen, lesen Sie nach der Unterschrift weiter. Da ist das Manuskript (von dem ich sicher 'live' immer mal wieder abweichen werde, je nach Stimmung), das ich zu diesem Abend geschrieben habe - leider ohne die göttliche Musik des kleinen Rackers!
Ich grüße Sie herzlich
Ihr
Konrad Beikircher
Wolfgang Amadé Mozart
Die Schuldigkeit des ersten und fürnehmsten Gebotes
I.
Das war die Sinfonia, so etwas wie die Ouvertüre, zum Oratorium „Die Schuldigkeit des ersten und fürnehmsten Gebotes“ von Wolfgang Amadé Mozart. Er hat dieses Werk in den Wochen nach seinem elften Geburtstag komponiert, im Januar und Februar 1767, in Salzburg.
Das muß man sich mal vorstellen: am 27. Januar 1767, was übrigens ein Dienstag war, wurde der Knabe elf und ist schon einer, den ganz Europa kennt. Er hat zwar noch nie eine Schule von innen gesehen – das zumindest blieb ihm ein ganzes Leben lang erspart – dafür aber hat er schon eine Europa-Tournee hinter sich, die sich gewaschen hat. Am 9. Juni 1763 startete das Mozartunternehmen die Tour, da war der kleine Lümmel gerade mal 7 1/2 Jahre alt.
Man reiste, das heißt: was heißt ‚reiste’: das war ein elendiges Herumgeschaukel in Kutschen, bei denen Achsen- und Radbruch an der Tagesordnung waren, von Federung keine Rede – Mozart selbst beschrieb dies in einem Brief an seinen Papa mal so: „Ich versichere Sie, dass keinem von uns möglich war, nur eine Minute die Nacht durch zu schlafen – dieser Wagen stößt einem doch die Seele heraus! – und die Sitze! – hart wie Stein!“, und ständig musste man damit rechnen, überfallen zu werden. Papa Leopold hatte deshalb immer eine Pistole und eine Stichwaffe dabei. Vom langsamen Tempo will ich nichts sagen, denn das empfand man ja damals nicht so, der Rausch der Geschwindigkeit war Gottseidank noch nicht erfunden, und was die Gasthöfe betrifft, so hatte man damals noch schmerzhaft so was wie Michelin- und Vartaführer vermissen müssen. Von den hygienischen Zuständen mal ganz zu schweigen. Zum Glück haben Kinder manchmal an den eigenartigsten Dingen Spaß: Wanzen aus den Betten zu pflücken oder mit frisch gepuderten Perücken barfuß nachts über den Hof aufs Örtchen zu laufen. Mozart jedenfalls muß Reisen trotz allem geliebt haben, sonst hätte er in seinem Leben nicht gut 2o.ooo km heruntergerissen und geschrieben: „Ohne Reisen ist man wohl ein armseliges Geschöpf!“
Papa Leopold hat bei dieser ersten großen Reise zwei Ziele verfolgt: seine beiden Wunderkinder Nannerl und Wolfgang bekannt zu machen und eine attraktive Anstellung an einem der großen Höfe zu bekommen. Das hat zwar nicht geklappt, aber die Mozarts waren wenigstens berühmt geworden. Is ja auch schon was. Am 29. November 1766 kam man in Salzburg wieder an. Und statt sich von den Strapazen auszuruhen – Papa Leopold hat sicher auch während der Kutschfahrten seine beiden Kinder im Lesen, Schreiben und Rechnen weiter unterrichtet, damit das Reisen auch so wirklich richtig Spaß macht! – hatte der kleine Bengel direkt schon Kompositionsaufträge, darunter einen, den er ganz erstaunlich, nein: genial, ausgeführt hat: das Oratorium „Die Schuldigkeit des ersten Gebotes“. Den etwas eigenartigen Text hat Ignaz Anton Weiser geschrieben, er war Textilkaufmann, Stadtrat und Bürgermeister von Salzburg, also einer der Honoratioren, der obendrein eine ganze Reihe – überwiegend geistlicher – Oratorien verfasst hat. Der Auftrag kam von höchster Stelle, vom Fürsterzbischof Sigismund Christoph Graf von Schrattenbach, geistliches und weltliches Oberhaupt von Salzburg – Salzburg war ja ein eigener unabhängiger Staat zu der Zeit, deshalb ist Mozart weder Österreicher noch Deutscher -, und er war der Arbeitgeber von Papa Mozart.
Der Auftrag wurde übrigens an drei Komponisten vergeben: Mozart junior sollte den ersten Teil vertonen, Michael Haydn (der so oft unterschätzte Bruder vom Joseph) den zweiten und Anton Cajetan Adlgasser der dritten. Es sind auch alle drei Teile uraufgeführt worden, nur sind die von Haydn und Adlgasser verloren gegangen. Schade.
Nur: was muß der kleine Mozart schon für einen Ruf als Komponist gehabt haben, wenn er neben den arrivierten Größen Adlgasser und Haydn beauftragt wurde! Wenn man dann aber sieht, was ihm mit dem Text von Herrn Weiser zugemutet wurde, das ist schon allerhand. Schon gleich in der ersten Arie lässt der Dichter den Christgeist sagen: „Mit Jammer muß ich schauen unzählig teure Seelen in meines Feindes Klauen den Untergang erwählen, wenn deine Wunderkraft nicht Heil, nicht Rettung schafft.“ Das ist doch schon mal super-kindgerecht, oder? Da sehen wir schon den Papa Leopold dem Kleinen erklären, um was es bei diesem Satz überhaupt geht. Aber was hat dieses Kind daraus gemacht! Sie werden es gleich in der ersten Arie hören.
Genau das sind so Sachen, vor denen man sprachlos steht und die einen ahnen lassen, was für ein Genie dieser Mozart war.
Also: was hatte er denn nun zu vertonen mit dieser Schuldigkeit des ersten Gebots? Die nicht wirklich sehr poetische Interpretation eines Verses im Markus-Evangelium (genau: Markus 12, Vers 3o):
Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzen deinem Herzen, von deiner ganzen Seel, von deinem ganzen Gemüth, und aus allen deinen Kräften.
In einer Art theatralischer Meditation ganz in der Tradition des barocken Jesuitendramas lässt Weiser fünf allegorische Figuren auftreten:
Die Gerechtigkeit und die Barmherzigkeit, beide Sopran und auf der Seite des Guten,
den Weltgeist, ebenfalls Sopran, aber auf der Seite des Bösen,
ferner den Christgeist und den Christen schließlich als solchen, den lauen Christen natürlich, um den sich alle bemühen, beide Tenor.
Das Ganze hat sogar Kulisse, „der Ort der Vorstellung ist eine anmutige Gegend an einem Garten und kleinen Wald“, wie über dem ersten Rezitativ steht.
In diesem Gärtchen also liegt der Christ und schläft. Der Christgeist macht sich Sorgen um all die Christen, die lieber, vom Weltgeist verführt, „auf breiter Blumenstraße zum offnen Höllenschlund laufen“ anstatt den schmalen Weg, den berühmt dornigen, ins Himmelreich einzuschlagen. Er bittet die Gerechtigkeit und die Barmherzigkeit um Hilfe und darf seine erste Arie singen:
„Mit Jammer muß ich schauen unzählig teure Seelen in meines Feindes Klauen den Untergang erwählen, wenn deine Wunderkraft nicht Heil, nicht Rettung schafft.“
Nach der Arie gibt die Barmherzigkeit zwar zu, dass es ein Jammer sei, wenn so viele Christenseelen ihren Untergang suchen, „doch ist es selbst ihr Wille, dass sie zugrunde geh’n“ warum? Weil sie das erste Gebot nicht achten wollen und das, wie die Gerechtigkeit anmerkt, obwohl ihnen ja der Verstand schon sagen müsste, dass man seinen Vater zu ehren hat. Stattdessen aber frönen sie lieber der Pracht, der Wollust, dem Eigennutz und eitler Ehre. Beide, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, schließen dieses Rezitativ mit dem Hinweis, dass ihre Schuld eine gerechte ist, wenn sie alle Warnungen aus dem Wind schlagen, und dass ihnen dann auch die Barmherzigkeit nicht mehr helfen kann.
Dramatisch weist die Barmherzigkeit in einer großen Arie auf die Gefahren hin: „Ein ergrimmter Löwe brüllet, der den Wald mit Furcht erfüllet, ringsherum nach Raube sieht. Doch der Jäger will noch schlafen, leget hin die Wehr, die Waffen, achtet Schutz und Helfer nicht“. Man sieht, mit welchen poetischen Mitteln Herr Weiser versucht, den lauen Christenmenschen aufzurütteln. Im Rezitativ gibt denn der Christgeist auch zu, dass die Menschen zu sorgenlos seien. Aber gibt es denn kein Mittel dagegen?
Vielleicht käme der laue Christ zu Verstand, zeigte man ihm das grauenvolle Bild des offenen Höllengrundes – und da darf das Orchester ein bisschen Hölle malen, ganz in der Tradition der großen Oper, eine kompositorische Delikatesse und das mit elf Jahren! – oder wenn sich ein Verdammter aus seinem Grab erhöbe und ihm die Wichtigkeit des ersten Gebots beiböge oder wenn wenigstens die Barmherzigkeit die Christenherzen ermahnte. Das sichert die Barmherzigkeit zu, die Gerechtigkeit jedoch besteht auf Freiwilligkeit. Sie werde niemals der Menschen Willen zwingen, es bleibt den Menschen freigestellt, ihrem Ruf zu folgen oder den Weg zur Hölle einzuschlagen und wendet sich in der folgenden Arie nun direkt an den im Garten schlafenden lauen Christen.
„Erwache, fauler Knecht,
der du den edlen Preis so vieler Zeit verloren,
und doch zu Müh’ und Fleiß, zur Arbeit bist geboren. Erwache fauler Knecht,
erwarte strenges Recht.
Du wirst von deinem Leben genaue Rechnung geben,
dem Richter, deinem Gott!“
Der Weckruf in strahlendem A-Dur tut seine Wirkung. Man stellt fest, dass sich der laue Christ regt. Die drei verstecken sich um das weitere Geschehen zu beobachten.
Soweit die etwas spröde Handlung bis dahin. Aber hören Sie, was Mozart daraus gemacht hat!
II.
Der Christ erwacht. Um das musikalisch angemessen zu untermalen, greift der kleine Mozart da zur ganz großen Kelle: zum Accompagnato-Rezitativ. Da begleitet nicht das feine Cembalo den Sprechgesang sondern das ganze Orchester. In der Oper bis Mozart ein Stilmittel, das nur dann eingesetzt wird, wenn es hochdramatisch wird oder wenn es darum geht, Sätzen eine ganz außergewöhnliche Wichtigkeit zu verleihen. Daß der kleine Mozart hier zu diesem Mittel greift, zeigt natürlich auch, wie selbstbewußt er an die Vertonung dieses Stoffes geht. Da spielt er mit seinen elf Jahren schon so mit allen Mitteln des Komponistenhandwerks, dass da kein Zweifel aufkommt, wer hier der Künstler ist und das ist einfach grandios. Der Mensch also erwacht, die letzten Worte der eben gehörten Arie hat er noch im Ohr, nämlich, dass er Rechenschaft ablegen muß. Just in diesem Moment taucht er auf, der Verführer zum Bösen, der Weltgeist.
Der Mensch erzählt ihm, dass ihn ein erschreckender Ruf geweckt hat, von Höllenstrafe sei die Rede gewesen. Das sei nur Blendwerk, meint der Weltgeist, er soll sich nur beruhigen. Das habe er doch alles nur geträumt und basta.
Und daran schließt ein Meisterwerk des Elfjährigen an. Der Weltgeist darf sein Credo singen, eine Hymne an die Lust.
„Hat der Schöpfer dieses Leben
samt der Erde uns gegeben
o so lache, o so jauchze,
so lache, so scherze,
lasse Träume Träume sein.
Dein Ergötzen, deine Freude,
gehe durch Büsche, Feld und Heide,
und dein so beklemmtes Herze
räume sich der Wollust ein“
Also, ich meine, so wirklich jugendfrei sind diese Gedanken aber nicht, oder? Oder hat Papa Leopold da einiges übersehen? Wie dem auch sei: Mozarts Genie hat eine wundervolle Arie daraus gemacht, und eine virtuose obendrein.
III.
Am 12. März 1767, was übrigens ein Donnerstag war, wurde im Rittersaal der Salzburger Residenz das Oratorium vom kleinen Wolferl uraufgeführt. Es spielte die Hofmusikkapelle und auf dem Programmheft stand: „Erster Theil in Musik gebracht von Herrn Wolfgang Motzard, alt 10 Jahr“, na, was ist das denn wohl: Druckfehlerteufelchen oder eine kleine Lüge vom Herrn Papa, um das Genie des Sohnes noch mehr herauszustreichen? Man wird es nie erfahren! Dann aber: die Besetzung! Ein Hammer! Die Älteren werden sich noch lebhaft daran erinnern! Joseph Meißner gab den Christen, Anton Spitzeder den Christengeist, Jungfer Maria Anna Festmayr den Weltgeist, Jungfer Maria Lipp – höchstwahrscheinlich die Ururoma der großen Koloratursängerin Wilma Lipp - die Barmherzigkeit und Jungfer Maria Braunhofer die Gerechtigkeit. Die Namen kennt kein Sängerlexikon mehr, mit einer Ausnahme: Maria Magdalena Lipp, die Sängerin der Barmherzigkeit. Sie war die Frau des feinen Michael Haydn und eine gefragte Sängerin. Sie sang auch in der Uraufführung von Mozarts wundervoller Oper „La finta semplice“ am 1.5.1769, also zwei Jahre später.
Man kann aber in jedem Fall sagen: es waren Profis, die da gesungen haben, denn alle waren Mitglieder der fürsterzbischöflichen Hofmusik und das bedeutet, dass Mozart sein Oratorium in absoluter Bestform uraufgeführt bekam, was für ihn sicher ein großes Erlebnis gewesen sein muß. Zwar war er selbst ja, wie man weiß, nicht nur ein genialer Komponist sondern auch ein Spitzenmusiker mit einem unglaublich guten Gehör, da kann man schon von absolutem Gehör sprechen - Der Salzburger Hoftrompeter Andreas Schachtner, der auch ausgezeichnet Geige und Cello spielte, berichtet, dass der vierjährige Mozart beim gemeinsamen Musizieren zu ihm sagte: „Herr Schachtner, Ihre Geige ist um einen halben Viertelton tiefer gestimmt als meine“ – und das stimmte! – aber was einem in der Zeit an Musik oft zugemutet wurde, das konnte auch einem normal begabten Hörer die Schuhe ausziehen. Jeder der in ein Holz blasen konnte, spielte auch in einem Orchester, es gab nur wenige Klangkörper, die man als professionell bezeichnen konnte, der Durchschnitt waren Laienorchester. Da hat es unserem Mozart sicher nicht nur einmal die Sprache verschlagen. Um so schöner, dass eines seiner ersten größeren Werke solide uraufgeführt wurde.
Weiter also mit der „Schuldigkeit des ersten und fürnehmsten Gebotes“.
Der Weltgeist hat in seiner letzten Arie dem lauen Christen eingetrichtert, dass er Träume Träume sein lassen solle, was der Christ jetzt im Rezitativ aufgreift. Er hat nämlich seine Zweifel daran, dass das nur ein Traum war, denn es war eine Stimme, die er noch hörte, als er aufwachte, und er sei darüber so erschrocken, dass ihm der Puls fast stockte. Andante un poco adagio hat die Arie zu sein, die er nun singt: „Jener Donnerworte Kraft,
die mir in die Seele dringen,
fordern meine Rechenschaft.
Ja, mit ihrem Widerhall
Hört mein banges Ohr erklingen
Annoch den Posaunenschall“
Wir merken, der Christ wird langsam aufgerüttelt, aus seiner Lethargie geholt, es tut sich also was. Das merkt der Weltgeist natürlich, der ja auch weiß, dass seine Widersacher, die Barmherzigkeit, der Christgeist und die Gerechtigkeit hinter allem stecken, und versucht nun, den Christen herumzukriegen. Wenn das also so sei, wie er, der Christ, gerade gesungen habe, so stecke wohl jener Feind dahinter, der ihn gerne schon mal quäle. Wer das denn sei, fragt naiv der Christ, der ihn so hasse und zwar ohne dass er, der Christ, Schuld daran sei?
Ja, meint der Weltgeist, er wolle ihn zwar nicht nennen aber mit wenigen Worten beschreiben: ein Mückenfänger – heute würde man wohl eher sagen: ein Korinthenkacker – sei er, der anderen genau so wie sich selbst keine Freude gönne, der „jede Grille des Gewissens misst nach der Länge, Tiefe, Breite“, der allen Menschen seine dummen, unbequemen und harten Moralvorstellungen aufdränge. Der Christgeist, der, wie die Barmherzigkeit und die Gerechtigkeit, alles mithört, ist außer sich über diese unverschämten Lügen und will schon fast dazwischengehen, da setzt der Weltgeist zu seiner köstlichen Arie an, einer Arie, die auch schon im Text herausragend ist, also da hat der Herr Weiser, obwohl Bürgermeister, wirklich hervorragende Arbeit geleistet. Der Weltgeist zeichnet ein Porträt seines Feindes, des Christgeistes, man kann sicherlich ohne Übertreibung sagen: ein Porträt Gottes. Das muß natürlich böse und zynisch sein und das ist es auch auf eine ganz subtile Art – wäre da nicht eine grandiose Komik, die den ganzen Zynismus einfach über den Haufen wirft. Das Böse, der Weltgeist also, zeichnet ihn so:
„Schildre einen Philosophen
mit betrübten Augenlichtern
von Gebärden herb und schüchtern
in dem Angesicht erbleicht;
dann hast du ein Bild getroffen,
das nur ihm alleine gleicht“
Und Mozart lässt dazu die Achtel in den Streichern hüpfen als hielten sie sich die Bäuche vor Lachen und bei der Wiederholung der „betrübten Augenlichter“ lässt er den Sopran bei „be – trübten“ einen hellstrahlenden Oktavsprung machen und bei der Stelle „von Gebärden herb und schüchtern“ lässt er die Melodie in kristallklarem G-Dur nach oben springen, damit jeder merkt, wie herb und schüchtern das ist. Und wiederholt diese koketten Sprünge jedes Mal und variiert sie und gar bei „in dem Angesicht erbleicht“ setzt er über das Angesicht einen Koloraturenschwall, dass es einen nur so freut – so trällern virtuos die erbleichten Angesichter! Das aber, meine sehr verehrten Damen und Herren, das ist wirkliche Meisterschaft. Woher hat ein elfjähriger Junge das denn? Er wird auch später in seinen großen Opern, das Orchester, die Musik, die agierenden Figuren auf der Bühne kommentieren lassen, wird in der Musik ausdrücken, was von ihnen zu halten ist und wie es in ihnen drin – egal was sie da singen – aussieht.
Voi che sapete im Figaro, der durcheinandergewirbelte pubertierende Jüngling Cherubino, der den Damen die Köpfe verdreht und so tut, als sei er das Opfer: wie verlachen ihn die Klarinetten in Terzen, wundervoll. Genau das aber tut dieser Mozart hier schon, in moralisch bester Absicht, geht es doch darum, sich über die Bösen lustig zu machen, aber dass er das jetzt schon kann, dass er diese Ironie jetzt schon meistert, das ist beinahe ruchlos. Faszinierend aber in jedem Fall. Aber vielleicht lag diese spitzbübische Ironie, dieses lachende Purzelbaumschlagen auch ein bisschen im Ton der Familie Mozart: denken Sie nur an die köstlichen Bäsle-Briefe in ihrer derben Kreativität und ihrem Witz, denken Sie an die vielen Stellen in Mozarts Briefen, wo er Wörter zerzaust, neu zusammenstellt, sie klingen lässt, ihre Echos beschreibt, das kennen wir von anderen Musikern auch, wenn auch selten so ausgelassen, originell und kreativ – eine Leidenschaft übrigens, die Musiker und Mathematiker gemeinsam haben: die Wörter, die Sprache, Kapriolen schlagen zu lassen:
aus Mozart hätte ja auch beinahe ein Mathematiker werden können, zumindest scheint er ein großes Faible für Zahlen gehabt zu haben, er hat ja als kleiner Junge einmal, fasziniert von den Rechenoperationen, sein ganzes Zimmer mit Zahlen zugeschrieben, wenn er nun auch noch in eine Schule gegangen wäre, wer weiß, wie sein Leben verlaufen wäre – und unseres!
In den Briefen der gesamten Familie blitzt immer wieder dieser Ton durch, z.B. wenn sich Papa Leopold darüber beschwert, dass auf der ersten großen dreieinhalbjährigen Reise 1763 bis 1766 finanziell nicht so viel rübergewachsen wäre, wie er hoffte. Warum? Weil die ganzen Adligen, die Fürsten, Kaiser und Könige nur selten in bar für die Auftritte der Wunderkinder zahlten, sondern gerne in Geschenken. Da gab es Uhren, Schmuckstücke, Schnupftabaksdosen (braucht man immer, ist ja klar!), Etuis, Designer-Degen und Brieföffner-Säbelchen, Jäckchen und Mäntelchen (aber nicht von Lagerfeld!), Spitzentaschentücher fürs Nannerl und dann war da noch die herzige Gemme mit dem Bildnis der geliebten Großtante Herzogin Anna Amalie von Dingens zu Weißnichtmehr und Habdochnichts, was den Papa zum Stoßseufzer veranlasste: „Von solchem Zeug könnten wir bald einen Stand aufrichten“. Hätte er es doch getan, wir würden ihn als den Erfinder des Flohmarktes preisen! Jetzt aber: der Christ und dann der grandiose Weltgeist!
IV.
Langsam schürzt sich der Knoten dessen, was man nur mit gutem Willen als Handlung bezeichnen kann. Der Christgeist kann nicht länger an sich halten und verkleidet sich als Arzt, der im Wald nach Kräutern sucht. Der Weltgeist entdeckt ihn, der Christ bittet ihn, den vermeintlichen Arzt, um ein Mittel, das ihm noch viele Jahre Gesundheit schenkt, er wolle nach einem vergnügten Leben erst spät gemächlich alt werden. Da sei er am richtigen, sagt der Christgeist, er sei mit dem größten Arzt, der je gelebt habe, nahe verwandt, er habe das Mittel an der Hand. Das ist dem Weltgeist nun zuviel, er geht dazwischen. Zu Tod und Krankheit fiele ihm nichts ein, sagt er, wohl aber zum Thema Frühstück, denn dafür sei jetzt Zeit. Der Christ fordert ihn auf, es schon mal anzurichten, was der Weltgeist auch gerne tut in der Hoffnung, so den Christen rumzukriegen: „ein holder Blick von seiner Schönen, gut Essen, Trinken, Spiele, Jagen, wird alles Kummers ihn befrein“. Da, finde ich, hat es sich der Dichter etwas zu leicht gemacht: sooo naiv ist der Weltgeist sicherlich nicht. Nun gut.
Der Christgeist nutzt die Abwesenheit des Bösen dazu, die Erweckungsarbeit zu intensivieren: gesund und vergnügt soll er wieder werden, der Christenmensch, aber dazu muß er auch seinem Rat folgen, die kalte Luft, die ihm das Auge verdorben und die Brust erkältet hat, zu meiden. Wie: Brust und Auge erkältet und verdorben? Davon wisse er aber nichts, wehrt sich der Christ, worauf der Christgeist mit dem Allerweltsspruch kommt: „je mehr sich die Gefahr dem Kranken hält verborgen, je mehr hat er zu sorgen“. Und dies unterstützt er dann mit der Arie:
„Manches Übel will zuweilen,
eh es kann der Balsam heilen,
erstlich Messer, Scher’ und Glut.
Jener Ruf, der dich erweckte,
jene Stimme, die dich schreckte,
war dir nötig, war dir gut.“
Das muß ihm schon gefallen haben, dem kleinen Wolfgang, das mit Messer, Scher’ und Glut. Ist’s doch ganz nahe bei „Messer, Schere, Gabel, Licht, ist für kleine Kinder nicht“. Achten Sie mal drauf, wie oft er das wiederholen lässt, dieses „Messer Scher’ und Glut“! da hat er richtig Spaß dran gehabt!
Jetzt aber geht es in die Endrunde in der Schlacht um die Christenseele. Der Christ bittet den vermeintlichen Arzt um Gesundheit, da gibt ihm der Christgeist ein verschlossenes Blatt, darin wird er ein Mittel finden, das keinem anderen gleicht. Es wärmt, muntert auf, schärft das Auge, verschafft gutes Gehör und bringt Mut und Stärke. Natürlich wissen wir, die Zuhörer, dass damit geistliche Stärkung gemeint ist und nicht – wie der Tölpel Christ denkt – wirklich Tabletten für Augen, Ohren und Brust. Da kommt der Weltgeist dazwischen mit der Meldung, alles sei bereitet und eine Reihe fröhlicher Gemüter von beiderlei Geschlecht warte darauf, mit ihm zu frühstücken. Also: klassische Einladung zum Brunch.
Der Christ zum Christgeist: „Verzeih, der Wohlstand heißt mich eilend gehen. Hält dieses Mittel seine Probe, so lohn ich dich bei unserm Wiederseh’n“ und ab.
Der Christgeist ist darob natürlich nicht erbaut:
„Man eilt, man läuft, wohin? Ach! An die Orte, wo nur der Sinnen Freiheit ruft: man höret meine Worte von wahrer Tugendlehre nicht“.
Barmherzigkeit und Gerechtigkeit erscheinen und stellen fest, dass der Christ selbst an seinem Verderben schuld ist. Der Christgeist bittet um Geduld, es gebe ja ein paar gute Ansätze beim Christen und schon fängt das Schlussterzett an:
„Es soll an der Gnade Schein niemals fehlen,
wenn der Mensch das Seine tut“
singen die Gerechtigkeit und die Barmherzigkeit und geben damit natürlich für den zweiten und dritten Teil eine Hoffnung. Mozart musste ja nicht den Sieg des Guten vertonen, das sollten ja Michael Haydn und Anton Cajetan Adlgasser machen. Ob denen aber ein so schlichtes und schönes Terzett eingefallen wäre wie Mozart, wage ich energisch zu bezweifeln. Wissen Sie übrigens, wo die Handschrift dieses Oratoriums ist, das Autograph? Sie werden es nicht glauben: es ist im Besitz Ihrer Majestät der Königin Elisabeth II. von England und wird im Schloß Windsor aufbewahrt. Ob sie das weiß?
Alle News im Überblick:

17.09.2009 Konzertkritik

25.05.2009 Konrad Beikircher: Von der Autowerkstatt in die Antike

20.01.2008 Benefiz

19.11.2007 Krefelder Krähe für Dieter Hildebrandt

15.08.2007 Balladen, Rock und viel, viel Liebe

13.04.2007 Bohème suprême

19.01.2007 Beitrag im Kölner Stadt-Anzeiger: Beethoven und die Segnungen des Rheinlands

07.12.2006 Die rheinische Neunte

30.08.2006 Mozart geht Essen mit mir

08.12.2005 Die ZEIT und die FAZ und der Don Camillo und ich

15.10.2005 Aalkönigs Inthronisierungsrede

06.10.2005 Beethovens Fidelio in Bonn

05.10.2005 General-Anzeiger Bonn zum Fidelio-Abend

02.09.2005 Rheinischer als ein Rheinländer

29.06.2005 Ab sofort im CD-Fachhandel (Vertrieb EDEL) erhältlich:

30.05.2005 Leska in Japan III

29.05.2005 Italienische Momente

24.05.2005 Leska in Japan II

05.04.2005 Leska B. in Japan

08.03.2005 Hanns Dieter zum 8o.

08.03.2005 "Ein Seufzer kostet einen Zehner und ein Gähnen deren zwo",

07.01.2005 Premiere "Altes und Neues zwesche Himmel un Ääd" und zum Hörbuch „Palazzo Bajazzo“

05.01.2005 Opfer der Flutwelle

05.11.2004 Rezensionen vom Online Musik Magazin

30.08.2004 Internview Kölner Stadtanzeiger: "Ich ging zur Demo, sie hat geputzt"

18.08.2004 "Man muss das Leben offensiv angehen."

06.08.2004 Ciao Ciao Bambina

23.06.2004 Start der neuen Website von Konrad Beikircher

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10.09.2010 20.00Uhr Konrad Beikircher + Band: "Amore e passione" Bergkamen Studiotheater Tickets: 02307/965 464
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