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Beikircher
Kabarett Klassisch Kocht Singt Erzählt

Bohème suprême

Na endlich ist er da, der zweite Band meiner Liebeserklärung an die Oper, diese so herrlich unzeitgemäße Kunstform (vielleicht hat sie deshalb so eine hoffnungsvolle Renaissance?!), Bohème suprême - als Buch (mit mehr Inhalt) und als Hörbuch (mit schöner Musik)! Ich sage Ihnen, über dieses Erscheinen freut sich keiner mehr als ich, weil es schon lange gedauert hat, bis ich endlich mit der Arbeit fertig war. Die Pubertät der Kinder, Mein Herzinfarkt, diverses diabetisches Durcheinander etc etc haben da ein bißchen hemmend gewirkt, aber jetzt ist das Geschichte und das Resultat ist da. Zur allgemeinen Erbauung hier ein Kapitel daraus:

Richard Wagner
1813 – 1883

Der fliegende Holländer
Romantische Oper in drei Aufzügen

Text: Richard Wagner, nach Heinrich Heine: „Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski“ aus dem 1. Band des „Salon“, 1834

„Ich entsinne mich, noch ehe ich zu der eigentlichen Ausführung ... schritt, zuerst die Ballade der Senta im zweiten Akt entworfen und in Vers und Melodie ausgeführt zu haben. In diesem Stücke legte ich unbewusst den thematischen Keim zu der ganzen Musik der Oper nieder: Es war das verdichtete Bild des ganzen Dramas, wie’s vor meiner Seele stand. Als ich die fertige Arbeit betiteln sollte, hatte ich nicht übel Lust, sie ‚dramatische Ballade’ zu nennen.“
(Richard Wagner „Eine Mitteilung an meine Freunde“ 1851)


Richard Wagner: geboren am 22.5.1813 in Leipzig, gestorben mit knapp 7o Jahren am 13.2.1883 in Venedig. Die Geburt seines Sohnes Richard scheint den Polizeiamts-actuarius Karl Friedrich so geschwächt zu haben, dass er kurz danach starb. Und zwar am Flecktyphus, der in der Gefolgschaft der Völkerschlacht bei Leipzig ausgebrochen war. Vielleicht führte der frühe Tod des wirklichen Herrn Papa dazu, dass sich hartnäckig die Legende hielt, Richard sei der Sohn Ludwig Geyers, der ein Jahr nach dem Tod des Papas die Mama Richards heiratete. In einer grandiosen Gesamtschau dieser Dinge kommt die „Musik in Geschichte und Gegenwart“ zum Schluß, dass es völlig belanglos sei, wer der wirkliche Vater Richards war, denn es würde „hinsichtlich seiner Erbanlagen keinen wesentlichen Unterschied ausmachen, ob er als Wagner von Generationen von sächs. Schulmeistern und Kantoren abstammt (beginnend mit Martin Wagner, * 1603, Kirchner und Schulmeister in Hohburg), oder als Geyer von Generationen von thür. Stadtmusikern und Org. (beginnend mit Benjamin Geyer, um 1700 Stadtmusikus in Eisleben, als zur ev. Kirchengemeinde gehörend bezeugt).“ Sie sehen, wie virtuos man Vaterschaftsfragen nicht nur vom Tisch wischen sondern sie auch nicht klären kann. Bänkern ist er als einer der größten Schuldenmacher aller Zeiten ein Begriff, sportiven Naturen als einer der wirbeligsten Seitenspringer, Raumausstattern als einer der begnadetsten, wenn auch ein wenig dekadenten Innendekorateure, schwulen Königen als einer der gefährlichsten Kassenräuber, Lebenskünstlern als einer der größten Erotiker aller Zeiten (immerhin waren die letzten Sätze, die er schrieb, zum Thema: „Über das Weibliche im Menschlichen“ und darin: „Liebesverbot: Gleichwohl geht der Prozeß der Emanzipation des Weibes nur unter ekstatischen Zuckungen vor sich. Liebe – Tragik.“), Rezitatoren als ein großer Vorleser (stellen Sie sich bitte nur „Rheingold“ von ihm in sächsischer Färbung vorgelesen vor, kein Wunder, dass Nietzsche der Jüngerschaft abschwor!), Festival-Veranstaltern als größtes Vorbild aller Zeiten, allen aber als ein zwar immer noch etwas umstrittener, zweifellos aber genialer, großer Künstler. Es gebührt ihm das Verdienst, die Oper grandios revolutioniert zu haben. 1oo Jahre vor der musique concrète hat er Hammer und Amboß ins Orchester integriert und hat sich somit als erster heavy metaler der Musikgeschichte geoutet.

ENTSTEHUNG UND URAUFFÜHRUNG

Das literarische Bild des „Fliegenden Holländers“ trägt altehrwürdige Züge: In den „Ignoti Monachi Cisterciensis Sanctae Mariae de Ferraria Chronica“ aus dem Jahre 1223 wird erzählt, dass christliche Pilger in Armenien einem Juden begegnet seien, der als Strafe dafür, dass er dem kreuztragenden Christus auf dem Weg nach Golgatha die Rast auf seiner Hausschwelle verweigert habe, bis zum Jüngsten Gericht nicht sterben dürfe und herumirren müsse. Ein Motiv, das, weil’s so schön ins kirchliche Weltbild passt, sofort allenthalben kolportiert und zu einem literarischen Bestseller wurde. Bis heute gibt es immer wieder Erzählungen über Ahasver, wie er überwiegend genannt wird. Dieses Thema war Richard Wagner sicher geläufig. Heinrich Heine gab in den „Memoiren des Herrn von Schnabelewopski“ im 7. Kapitel dem Ganzen einen ironischen Akzent, Wilhelm Hauff in seiner „Geschichte vom Gespensterschiff“ einen märchenhaften. Vielleicht gab die etwas abenteuerliche Überfahrt von Pillau nach London – Wagner war mit Frau Minna und Neufundländer Robber mal wieder auf der Flucht vor seinen Gläubigern – den Ausschlag: auf dem Segler „Thetis“ war er mit sieben Mann Besatzung unterwegs in die Freiheit, im Skagerrak kamen sie in einen Sturm, man trieb nach Norwegen ab und fand in der Bucht von Sandviken der Insel Boröya nach einer dramatischen Notankerung Zuflucht. Die Matrosen schmetterten Seemannslieder an die Felsen, Wagner fiel die Heine-Erzählung ein und schon war das großartige Szenario für diese wunderbarer Oper in seinem Kopf und in seinem Herzen. Im September 1839 kam er in Paris an – er wollte dorthin um endlich den großen Durchbruch zu haben, Paris war natürlich die Metropole Nr. 1 was Oper anging – und schrieb dort vom 2. bis zum 6. Mai 1840 einen ersten Entwurf. Vom 18. bis 28. Mai 1841 schrieb er schließlich das deutsche Libretto, am 19. November 1841 war die Komposition abgeschlossen. Dem war allerdings eine klassische Abreibung vorausgegangen: die Franzosen zogen unseren wackeren Sachsen so was von über den Tisch, dass es einem die Schuhe auszieht. Durch Vermittlung von Giacomo Meyerbeer (gebürtiger Berliner, wie die Leser von „Palazzo Bajazzo“ wissen) konnte Wagner seinen ersten Entwurf dem Chef der Pariser Oper, Léon Pillet, vorstellen bzw. einreichen, wie man wohl besser sagen sollte, denn diese Herren waren im 19. Jahrhundert Göttern vergleichbar. Auch in ihrem Auftreten. Pillet meckerte ein bisschen darüber, dass das ja nicht wirklich aufregend neuer Stoff sei, schien aber nicht abgeneigt, die Geschichte zu kaufen. Als aber Wagner durchblicken ließ, dass er gerne selbst den Stoff vertonen würde, war Ende der Audienz. Es endete damit, dass man Wagner für 5oo Francs die Rechte am Libretto abkaufte, das Ganze einem Herrn Paul Foucher (er war der Schwager von Victor Hugo und damit automatisch Dichter) zum librettieren gab und dieses Libretto dem Kapellmeister der Opéra, Herrn Pierre-Louis Dietsch, zum Vertonen gab. Der bastelte daraus die Oper „Le Vaisseau fantôme ou Le Maudit des mers“, die nach elf Aufführungen aus dem Spielplan flog. Meines Wissens ist sie auch nie mehr aufgeführt worden. Dietsch erwarb sich übrigens einen äußerst zweifelhaften Ruhm durch seine Intrigen gegen Wagner anläßlich der Tannhäuser-Aufführung an der Pariser Oper im März 1861. Erst Giuseppe Verdi gelang es 1863, diesen ‚rückschrittlichen’ (schreibt sein Schüler Gabriel Fauré) und extrem intriganten Musiker zu neutralisieren: nach einem Streit mit Verdi wurde er „par ordre supérieur“ aus der Oper geworfen. So fand eine Karriere, die Rossini eingeleitet hatte, als er den Kontrabassisten Dietsch als Chordirigenten empfahl, ihr wohlverdientes Ende. Wagner gab aber trotz alledem nicht auf, übertrug den Entwurf im Mai 1841 in ein eigenes Libretto und als er die 5oo Francs für die Rechte bekam, konnte er sich endlich ein Klavier mieten, an dem er die Oper komponierte und führte seinen Holländer urauf: wenn nicht in Paris so doch in Dresden, am 2. Januar 1843, und das gleich mit einer der großen Sängerinnen ihrer Zeit als Senta: Wilhelmine Schröder – Devrient. Die Musik hatte er in arger Geldnot komponiert, deshalb schrieb er wohl auch unter die Schlussseite des II. Aufzugs: „Morgen geht die Geldnoth wieder los!!“ und schließt den Gesamtentwurf mit den Worten: „in Noth u. Sorgen“. Aber, wie gesagt: hat geklappt. Nun war allerdings die Uraufführung in Dresden trotz erstklassiger Senta nicht wirklich der Erfolg, den man dem gefeierten Komponisten des Rienzi gegönnt hätte (von Rienzi sagten boshafte Zungen übrigens, sie sei die schlechteste Oper Meyerbeers, womit sie darauf anspielten, dass Rienzi durch die Protektion Meyerbeers in Dresden angenommen wurde und dass Wagner gnadenlos bei Meyerbeer geklaut habe). Viermal wurde der Holländer aufgeführt, dann war erstmal Ende. Erst ab den 1870er Jahren wurde die Oper regelmäßig an den wichtigen Häusern aufgeführt und ist seitdem eherner Bestand aller Häuser, die was auf sich halten. Die erste Wagner-Oper übrigens, die in London an der Drury-Lane aufgeführt wurde, war ebenfalls der fliegende Holländer, allerdings nicht in deutscher Sprache sondern in – italienisch!

PERSONEN

Daland, ein norwegischer Seefahrer Bass
Senta, seine Tochter Sopran
Erik, ein Jäger Tenor
Mary, Sentas Amme Mezzo-Sopran
Der Steuermann Dalands Tenor
Der Holländer Bariton
Matrosen des Norwegers
Die Mannschaft des fliegenden Holländers
Mädchen

ORCHESTERBESETZUNG

Piccolo
2 Flöten
2 Oboen
Englisch Horn
2 Klarinetten
2 Fagotte
4 Hörner
2 Trompeten
3 Posaunen
Ophikleide
Pauken
Harfe
Streicher

BESONDERHEITEN

Bühnenmusik: 3 Piccolo
6 Hörner
Windmaschine
Tamtam

DAUER

Ca 2 1/4 Stunden


HANDLUNG

An der norwegischen Küste

I. Aufzug

Steiles Felsenufer

Der Sturm hat das Boot Dalands sieben Meilen abgetrieben, der Kapitän und seine Mannschaft sind in der Bucht von Sandwike gelandet, sie werfen die Anker. Daland schickt die Mannschaft in die Kojen. Der Steuermann soll die erste Wache schieben. Der kämpft mit dem Lied „Mit Gewitter und Sturm aus fernem Meer“ gegen die Müdigkeit an, schläft aber schlussendlich ein. Das ist der Moment, wo wir darauf warten, wie der Regisseur wohl das Schiff des Holländers zeigt. Es soll, so die Partitur, „mit schwarzen Masten und blutroten Segeln“ ausgestattet sein, schwierig, wenn man die Handlung psychoanalytisch auffasst und alles in einem Wohnzimmer spielen lässt. Das Schiff des Holländers also taucht auf, er selbst kommt an Land und erzählt uns, dass er dazu verdammt ist, unsterb-bar auf See herumfahren zu müssen. Alle sieben Jahre darf er an Land um nach der Erlösung zu suchen, allein, er glaubt nicht mehr daran. Er wartet nur noch auf das Jüngste Gericht:
„Wann alle Toten auferstehn,
dann werde ich in Nichts vergehn!
Ihr Welten, endet euren Lauf!
Ew’ge Vernichtung, nimm mich auf!“
Damit wären schon mal die grundlegenden Voraussetzungen klar und wir sind mittendrin.
Als Daland an Deck kommt und den Holländer sieht, bittet ihn dieser, für eine Nacht bei ihm Gast sein zu können, wofür er ihm eine Kiste mit seltensten Edelsteinen anbietet. Daß das ein Angebot ist, das Daland nicht ablehnen kann, ist klar und verständlich. Daß er aber auch zustimmt, als der Holländer – gegen den Rest seiner Reichtümer versteht sich – um die Hand seiner Tochter bittet, verwundert einen schon – wo doch der Holländer die Tochter noch gar nicht kennt. Kurz: Daland preist sein Glück und der Holländer schöpft Hoffnung auf Erlösung. Darüber legt sich der Wind, man lichtet die Anker und weil das Lossegeln auf einer Opernbühne letztlich in der Andeutung stecken bleiben muß, senkt sich der Vorhang.

II. Aufzug

Ein geräumiges Zimmer in Dalands Haus, an der Wand im Hintergrund das Bild eines Mannes mit dunklem Barte und in schwarzer Kleidung.

Mary und die Mädels spinnen, eine Tätigkeit, die man in der Zeit, als es noch kein Fernsehen gegeben hat (in der aber dafür das Wünschen noch geholfen hat, wie die Gebrüder Grimm schon mal gerne anmerken), häuslich nannte. Nur Senta spinnt nicht, sie schaut auf das Bild und spinnt darob ihre eigenen Gedanken. Die Mädels sticheln herum, man dürfe Erik nichts von diesem Bild sagen, „er schießt sonst wutentbrannt den Nebenbuhler von der Wand“. Da fährt Senta aus ihren Träumen auf und bittet die Amme, das Lied vom fliegenden Holländer zu singen. Als die Amme ablehnt singt Senta selbst – und das ist dann auch der dramatische Höhepunkt der ganzen Oper (wenn Sie mich fragen). Nur alle sieben Jahre, singt sie, darf der Unglückliche an Land gehen und nach einer Frau suchen, die ihn liebt. Bleibt sie ihm treu bis in den Tod, wird er von seinem Fluch endlich erlöst. Die Szene endet mit dem ekstatischen Ausbruch Sentas: „Ich sei’s, die dich durch ihre Treu erlöset!“ Erik, der gerade zur Tür hereingekommen ist, hört diesen Ausbruch und ist erschüttert, was aber in der allgemeinen Aufregung untergeht, die entsteht, als er die Rückkehr Dalands ankündigt. Als die Mädels weg sind, fragt Erik Senta, ob er um ihre Hand anhalten dürfe und wie ihrer Meinung nach die Chancen dafür bei ihrem habgierigen Papa stünden. Senta weicht aus er hakt nach: ob ihr das Bild näher stünde als er, der sie liebe und darunter leide. Was sein Leiden gegen das des Holländers sei, fragt sie entrüstet, was ihn dazu bringt, ihr seinen Traum zu erzählen: er habe im Traum ein Schiff gesehen, von dem sich zwei Männer dem Lande näherten, einer der beiden sei ihr Vater gewesen, der andere der Mann auf dem Bild. Sie, Senta, sei diesem zu Füßen gestürzt, habe ihn mit „heißer Lust“ geküsst und beide seien aufs Meer geflohen. Statt aber über diesen Traum zu erschrecken, gerät die Gute völlig außer sich und singt:
„Er sucht mich auf! Ich muß ihn sehn;
mit ihm muß ich zu Grunde gehen!“
Erik weiß Bescheid und stürzt von dannen. Kurz darauf öffnet sich die Tür, der Holländer tritt ein, danach Daland. Wie vom Blitz getroffen schreit Senta auf, sie hat den Holländer erkannt. Dies sei ein Seemann, erklärt ihr nun Daland, der bei ihnen wohnen wolle – Senta nickt – er habe wohl nicht zu viel versprochen – der Holländer nickt – und dieser Seemann sei außerdem der gewünschte Schwiegersohn. Dazu zeigt er Senta etwas von dem Schmuck geht aber, als er merkt, dass die beiden ausschließlich füreinander Augen haben. Senta und der Holländer spüren die Endgültigkeit dessen, was sie einander und füreinander bedeuten und drücken dies auch selig und berauscht aus (darin ist Richard Wagner der absolute Meister!). Da kommt Daland und fragt nach, ob er mit dem Fest der Rückkehr die Verlobung verbinden könne? Senta sagt daraufhin mit feierlicher Entschlossenheit:
„Hier meine Hand! Und ohne Reu
bis in den Tod gelob ich Treu!“
Über dieses endgültige Versprechen senkt sich der Vorhang.

III. Aufzug

Seebucht mit felsigem Gestade; das Haus Dalands zur Seite im Vordergrund. Helle Nacht.

Endlich kommt der legendäre Matrosenchor – man feiert die gelungene Rückkehr. Das norwegische Schiff ist hell beleuchtet während sich über das Schiff des fliegenden Holländers eine düstere Finsternis gelegt hat. Den Mädchen, die mit Speis und Trank aus ihren Häusern gekommen sind, wird es immer mulmiger: keine Antwort kommt von dem Schiff, kein Licht ist zu sehen und als die lebenden Matrosen die Mädels auf den Arm nehmen und sagen, dies sei das Schiff des fliegenden Holländers, ist es ganz aus. Die Mädels geben den Matrosen die Picknick-Körbe und ziehen sich zurück. Als hätten sie nur darauf gewartet, legen jetzt die segelnden Leichen los: und Johohoe! Und Johohohoe! Und Huih – ssa! Und Hoe! Hoe! Hoe! Kein Wunder, dass da den Lebenden angst und bange wird, sie bekreuzigen sich und ergreifen unter dem Hohngelächter des Leichen die Flucht. Senta kommt aus dem Haus, Erik folgt ihr in größter Erregung, der Holländer steht so, dass er alles mitbekommt: was denn in sie gefahren sei, den Holländer zu heiraten, wo sie doch ihm, Erik, ew’ge Treue geschworen habe. Da wähnt der Holländer seine Rettung gescheitert und will zurück aufs Schiff. Senta hält ihn auf, will ihm seine Treue beweisen. Er sagt ihr aber, dass, wer die Treue zu ihm bricht, für ewig verdammt sei, dass er ihr dies aber ersparen könne, weil sie ihm noch nicht vor Gott die Treue geschworen habe, die Trauung hat ja noch nicht statt gefunden. Deshalb gehe er jetzt zurück aufs Schiff um wieder die Weltmeere zu durchpflügen, dann sei zumindest sie gerettet. Zuvor aber – hat er ja noch nicht getan – stellt er sich vor, er sei der fliegende Holländer, und dann verschwindet er aufs Schiff. Senta, außer sich, klettert nun auf das Felsenriff, sie will, und koste es ihr Leben, ihn retten. Mit den großen Worten:
„Preis deinen Engel und sein Gebot!
Hier steh ich – treu dir bis zum Tod!“
Stürzt sie sich in die Fluten, im selben Augenblick versinkt das Schiff des Holländers und laut Partitur passiert dann folgendes:
„Der Holländer und Senta, beide in verklärter Gestalt, entsteigen dem Meere; er hält sie umschlungen.“
Der Vorhang fällt, vorsichtig, damit er keinen nassen Saum bekommt.

HITS

Wenn eine Oper Kino ist, dann diese. Gnadenlos geht es ja in der Ouvertüre vom ersten Ton an so los, dass man mittendrin ist, da gibt es keine Chance, mit dem großen Zeh fühlen, wie kalt das Wasser ist. Super! Zwar gibt es immer noch Menschen, die das Holländer-Motiv (Hörner: tataataa – ta taa ta taaaa) für den Walkürenritt halten, aber spätestens beim Matrosenchor merken die dann auch, dass das nicht die Götter sein können. Dafür peitscht Wagner aber dieses Motiv so was von quer durchs Orchester, also da kommt auch bei den Wagner-Gegnern Freude auf, oder?! Und am Ende noch mal ganz groß, damit es dann auch wirklich keiner mehr aus den Ohren bekommt – und der leise, verklärende Schluß, das ist auch eine grandiose Idee!
Fein auch, wie er das Eche dem Chor antworten lässt, kaum dass sich der Vorhang gehoben hat. Wir wissen: so muß es sich wirklich angehört haben, als er, seine Frau und sein Neufundländer nach dem Sturm in der Bucht geankert haben und die Matrosen das getan haben, was sie am liebsten tun: shanties singen!
Bevor der Steuermann sein schönes Lied singt hat Wagner einen schönen Einfall: Daland verschwindet, die See wird ruhiger, aber es brezzelt noch ein bisschen nach, das Orchester lässt es uns hören. Das sind so kleine Stellen, da muß ich immer an Kino denken und daran, dass auch Wagner die Leute unterhalten wollte und nicht nur große, hehre Kunst schaffen. Er hätte es sich sonst sparen können, so realistisch wie hier zu komponieren. Das gehört, wenn Sie mich fragen, zur Oper wie die Hüte zu Ascot. Abgesehen davon ist das Lied vom Steuermann aber auch ein edler Einfall: eine schöne, typisch wagnereske Melodie auf edlem Orchesterklang, die uns ein wenig einlullen soll, bevor es richtig losgeht: der Holländer kommt. Großer Auftritt vom fliegenden Holländer: Basstuba, Fagotte und Kontrabässe spielen im tiefen Bereich, uiii, weht es da aber kalt aus dem Orchestergraben! Und er darf gleich eine der ganz großen Wagnerpartien starten: für Wagnerianer tut sich da der Himmel auf, für seine Gegner die Hölle, für uns aber, die wir uns zwischen diesen beiden Extremen richtig wohl fühlen, ist diese Arie ein Genuß der feinen Art, wohlige Schauer des Mitgefühls spüren vor allem wir Männer und fühlen uns ein bisschen, ein ganz kleines bisschen, ein ganz, ganz kleines bisschen so wie der Holländer: getrieben von der Sorge um die Unseren ziehen wir rastlos durch das Leben....Verzeihung, hab mich schon wieder im Griff.
Der Rest des ersten Aufzugs kommt nicht an diesen Höhepunkt heran: alles schön und überzeugend, aber wenn wir von Hits reden, müssen wir auf den zweiten Aufzug warten – was sich allerdings wirklich lohnt.
Sollte einer im ersten Aufzug im Laufe des Duetts von Daland und den Holländer eingeschlafen sein: keine Angst, Richard Wagner hat auch daran gedacht. Weil in der Regel nach dem ersten Aufzug die Pause ist und man dafür fit sein sollte, lässt er kurz vor dem Schluß des ersten Aufzugs die Schiffspfeife das Signal zum Losfahren geben und da bleibt kein Auge zu, das verspreche ich Ihnen. Danke, Richard!
Der zweite Aufzug hat nun wirklich einiges an Hits zu bieten. Der Spinnerinnen-Chor „Summ’ und brumm’, du gutes Rädchen“ – auf die Bratschen horchen, die sind das Spinnrädchen! – ist einer der Chöre, die Wagner berühmt machten. Ich habe noch keine Inszenierung gesehen, die den Charme dieses Chors kaputt gekriegt hätte und das will bei Wagner einiges heißen, so wild, wie an ihm manchmal herumexperimentiert wird!
Dann kommt aber gleich der absolute Mega-Hit: Sentas Ballade. Wenn nicht im dritten Aufzug noch der Matrosen-Chor käme – man könnte nach der Ballade nach Hause gehen. Scherz beiseite: diese Ballade ist eines der großen Meisterwerke der Opernliteratur und DAS dramatische Highlight in dieser Oper, auch wenn Wagner genügend großartige Einfälle für den Rest noch hatte. Für jeden dramatischen Sopran ist Sentas Ballade DIE Gelegenheit, richtig, aber so wirklich richtig, aufzudrehen: stimmlich, dynamisch und darstellerisch. Höchste Dramatik wechseln mit innigstem Gefühl, eine gute Sängerin kann aus dieser Ballade eine ganze Welt herausholen. Und wenn das gelingt, ist der Abend, an dem Sie das hören, einer, der noch lange in Ihnen nachklingen wird (ich habe heute noch Leonie Rysanek aus den 6oer Jahren in Wien so im Ohr, als hätte ich’s eben erst gehört). Dies jedenfalls wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen!
Und wie Wagner den Chor der Mädels a capella antworten lässt, das sind die großen Momente, wegen derer wir alle immer wieder in die Oper laufen, oder?!
Ein Hit ist auch, dass Wagner als Librettist an Triviales denkt: als Erik die Ankunft des Schiffs verkündet – und damit nach der atemlosen Dramatik der Ballade die Handlung antreibt und Bewegung in die Hütte bringt – laufen die Mädels durcheinander und wollen alle an den Strand, Senta aber hält sie auf und sagt: „Ihr bleibet fein im Haus! Das Schiffsvolk kommt mit leerem Magen! In Küch’ und Keller, säumet nicht!“. Ich meine: Wagner war ja schon einige Male auf der Flucht vor den Gläubigern und hat oft genug Hunger gelitten, vor allem in Paris. Daß er in einer solchen Situation daran denkt, dass die Männer Kohldampf haben – ist das nicht wunderbar? Einem Mendelssohn, dem es in dieser Hinsicht immer gut ging, wäre so was garantiert nicht eingefallen – gut, der hat auch keine Opern geschrieben.
Ein Hit sind auch die Hörner, die anfangs den Gesang Eriks begleiten, als er seinen Traum erzählt, das gibt Atmosphäre und Spannung und erinnert doch auch ein bisschen an Carl Maria von Weber, den Wagner sehr bewunderte – fein!
Eine große Stelle ist der Moment, als der Holländer eintritt: Wagner hat – der ganze Tristan lebt ja davon – eine Fähigkeit der Spannung zwischen Liebenden Ausdruck zu verleihen, das haut einen um. Wie die Musik Daland, den Papa, da einfach rumstehen lässt, obwohl er mit dem Holländer und seiner Senta ‚spricht’ ist einfach unglaublich. Nach der intensiven Spannung der ersten Takte (Pauken und Streicher) lässt er Daland in geradezu mendelssohn’sch-naiven Tönen vor sich hin singen, grad so, als stünde Daland in einem anderen Film, was der auch tut, weil zwischen dem Holländer und Senta eine Spannung herrscht, die von einem anderen Stern ist und die keinen Platz für einen Dritten lässt, auch nicht für den Vater. Ich finde es abgrundtief raffiniert von Wagner, das mit so einem musikalischen Mittel auszudrücken. Der Wohlklang kommt einem richtig deplaziert vor! Kaum aber ist er draußen, lässt das Orchester keine Sekunde lang einen Zweifel daran, wo die wahre Handlung spielt. Meisterhaft.
Das Duett der beiden ist natürlich ein weiterer Höhepunkt. Man merkt da, dass Wagner schon für den Tristan geübt haben muß – zumindest mental! Allerdings ist er hier, no, wen wundert’s, noch ein bisschen der klassischen Duett-Literatur verpflichtet, wie man daran hören kann, wie er Sopran und Bariton im ersten Teil des Duetts (vor dem „Wirst Du des Vaters Wahl nicht schelten?“) führt.
Na gut, dann kommt der dritte Aufzug und der Matrosenchor, Hit, klar, Wunschkonzert, ewige Hitliste Platz Nummer ziemlich weit vorn. Und der Chor der Gespenster ist auch nicht von schlechten Eltern, natürlich auch wegen des Einsatzes der Windmaschine!
Schön ist auch die Cavatine, die Erik zu singen hat („Willst jenes Tag’s du nicht dich mehr entsinnen“), ein geradezu italienischer Ruhepunkt, bevor sich das Drama zuspitzt – das Drama aus der Siocht Eriks, denn aus der Sicht des Holländers müsste man sagen: bevor die Erlösung naht. Dann ist natürlich das Ende der Oper ab der Stelle, wo er sich als Holländer zu erkennen gibt bis zu der Stelle, wo Senta sich mit dem hohen H ins Meer stürzt einsame Spitze. Ich finde, hier müsste das Ende der Oper sein, der etwas verklärte Schluß mit den Harfen, also der erinnert mich an schlechte deutsche Filme aus den 5oer Jahren eher als an gute deutsche Oper. Sei’s drum, hier ist eine der ersten großen Cinemascope-Opern zu Ende und man selbst, wenn es denn eine gute Aufführung war, ziemlich fertig mit der Welt.

FLOPS

Also mit Flops kann ich da zunächst mal nur in kleineren Bereichen aufwarten: zum Beispiel, wie im ersten Aufzug nach dem grandiosen Auftritt des Holländers die Szene anknüpft, in der Daland aus der Kajüte kommt und das Schiff sieht, also das ist ja so, als hätte Wagner diese Szene zehn Jahre früher geschrieben und einfach drangenäht, also brachialer kann man ein Publikum von einer Stimmung (der Holländer singt da „Ew’ge Vernichtung, nimm mich auf“ und seine lebenden Toten greifen diesen Satz auf und entsprechend ist auch die Musik) nicht in eine andere (eine ein paar Takte lang geradezu biedere obendrein) bringen. Das ist auch kein radikaler Schnitt (da sind wir Heutigen von Film und Fernsehen ja nicht verwöhnt), das ist, glaube ich, einfach eine Verlegenheitslösung, weil: irgendwie muß es ja schließlich weitergehen auf der Bühne. Im ersten Aufzug hätte ich noch was anzumerken: das Duett Holländer – Daland, insbesondere ab „Wie? Hört’ ich recht? Meine Tochter sein Weib?“, ist ja nicht unitalienisch angelegt von unserem Richard, aber grad deshalb hört man, dass er an das italienische Melos nicht herankommt. Richard Wagner lynchte mich zwar, läse er diesen Satz, aber, Verzeihung edler Meister, wir wissen schon, dass Sie eine heimliche Liebe zu Rossini und den Italienern hatten, da liegt es schon nahe, sich an ihnen zu versuchen, allein: nicht so, meine ich. Vielleicht hat Wagner in dieser Oper noch ein bisschen herumexperimentiert, er ist ja später, was Melodie angeht, ja nun wirklich extrem eigene Wege gegangen (und in dieser Oper glücklicherweise auch immer wieder, s. Hits).
Ein Flop ist auch der Beginn der Ouvertüre: ich persönlich vermisse da schmerzhaft die Orgel, mit der Verdi seinen Otello beginnen lässt: 247 Takte lang darf die Orgel da Sturm spielen mit dem gleichzeitig gedrückten tiefen C, tiefen Cis und tiefen D, um dem Sturm das Fliegen beizubringen. Und beinahe bin ich versucht, Wagner vorzuwerfen, dass er bei Verdi abgekupfert hätte, wenn ich nicht wüsste, dass der Otello einige Zeit später geschrieben wurde, dass also eher Verdi bei Wagner ‚nachgeschaut’ hat. Dennoch: Verdi hat im Kapitel „Sturm“ gut bei Wagner gelernt, vielleicht wäre er ohne den Holländer überhaupt nicht auf die Idee mit der Orgel gekommen! Übrigens: ob Wagner schon eines der ältesten Wortspiele kannte, das es im Sächsischen gibt?: Was ist der Unterschied zwischen einem Teekessel und Otello? ‚Im Gessel siedet dor Tee, im Otello deetet er sie’. Ich bin sicher, es hätte ihm gefallen. Verdi hat aber auch den Auftritt seines Otello beim Holländer abgekupfert. Ich meine jetzt nicht Noten, Töne und Text – Otello hat im Sturmgebraus einen der grandiosesten Auftritte der ganzen Opernliteratur mit typisch italienischem Gespür für Effekt und dann noch das quasi liturgische JubelWort „Esultate!“ – ich meine die Dramaturgie des Auftretens. Beim Holländer taucht nach der Beruhigung der Szene – selbst der Steuermann ist eingeschlafen – plötzlich das Schiff des Holländers auf, kracht seinen Anker in den Bühnenboden und bereitet so „con tutta forza – mit aller Kraft“, wie die Partitur vorschreibt, den Auftritt des tragischen Helden vor, im Otello haben wir den Sturm, die Blitze, den Donner, die Panik bei den Landratten, dann: Schiff, Anker, Vertäuung und „Esultate!“. Na, Giuseppe, hast Du Dich jemals beim Richard bedankt?
Ein Flop ist auch, dass, nachdem wir in der Ouvertüre und am Beginn des ersten Aufzugs gehört und gesehen haben, dass da ein Sturm war, Daland noch mal alles erzählen muß. Das ist – da meine ich das Libretto, nicht die Musik – ein Verzögerungsmoment da, wo es nicht nötig gewesen wäre.
Ein größerer Flop ist aber Erik als Figur. Diese arme Socke hat alle Anlagen zum Heldentenor, darf wunderbare Stellen singen, die Cavatine im dritten Aufzug zum Beispiel, das ist ja geradezu DeutschPavarotti!, kriegt aber die Schöne nicht in seine Arme. Also so tragisch hätte man auch einen Bariton enden lassen können, dafür muß man doch einen Tenor nicht leiden lassen, also ich weiß es nicht. Wer in dieser Partie brilliert und Erfolg hat, kann sich doch in keiner klassischen Tenorrolle mehr hören lassen, bzw. wer in klassischen Tenorrollen brilliert und Erfolg hat, wird sich in dieser Rolle nicht hören lassen. Was ein bisschen das Problem dieser Rolle ist: für die Jerusalems, Pavarottis und Domingos (der allerdings hinreißend diese Rolle gesungen hat, s. CD-Tipps) ist die Rolle zu unattraktiv, für Provinz-Tenöre zu schwer. So ist diese Rolle nie ganz einfach zu besetzen bzw. für sie ein geeigneter Sänger zu finden. Das hätte Wagner als ausgebuffter Theaterprofi berücksichtigen können. Lösung: entweder hört die Oper nach dem Zweiten Aufzug auf, Holländer und Senta haben sich bekommen, Erik hat dann zwar die A...karte gezogen, dafür aber braucht er auch keine Cavatine zu singen, oder er fängt Senta beim Sprung vom Felsen auf, sie wacht aus dem Albtraum auf und heiratet ihren Erik, den Holländer dadurch zu dem degradierend, was er ist: ein unangenehmer Untoter mit dem keiner was zu tun haben will. Nicht gut? Keine dramatische Handlung mehr? Kein Zauber? Keine Abgründe? Kein Mythos Frau mehr? Kein Hohes Lied der Treue? Na gut, aber können Sie mir dann sagen, warum sich keiner darüber wundert, was in dieser Handlung einfach so passiert? Daß da ein Untoter in der Tür steht und ein blühendes junger Mädchen plötzlich alles um sich her vergisst und dem nur noch Treue bis in den Tod beweisen will um ihn zu erlösen? Also dagegen hat ja die Handlung vom „Trovatore“ oder die von der „Forza del destino“ den ersten Preis in Dramaturgie, Abteilung realistische Logik zu bekommen! Gut, regen wir uns nicht auf, is schon alles in Ordnung.

OBACHT

Also Geiger möchte ich in dieser Oper nicht sein. Die haben sich da einen runterzufiedeln, also das ist schon gute Solistenliteratur, das kann ich Ihnen sagen. Und der Teufel dabei ist: das klingt ja erst dann alles richtig gut, also der Sturm nach Sturm, der Wind nach Wind und das Drama nach Drama, wenn das perfekt gespielt wird. Hudeln da die ersten und zweiten Geigen bei den entsprechenden Läufen, dann verschmiert der ganze Wagner zu einem Technicolor-Brei, der einen schwindlig macht. Ja, ich weiß, das sind Sätze, die immer stimmen, gut, nur: bei den italienischen Opern, wo das Orchester zur Gitarre degradiert wird (auch wenn das seine eigene Schönheit haben kann), ist das nicht so, das kriegt auch die Feuerwehr hin. Was ich damit sagen wollte, ist, dass wir mit Wagner endgültig in den Bereich Musik vorgestoßen sind, der einem Laienorchester und damit Ihnen und mir nicht mehr erreichbar ist. Und: man hört es. Selbst wenn einer die Dinge nicht so kennt und nicht benennen könnte, dass die Posaunen schleppen oder die Streicher hudeln: Wagner reagiert empfindlich auf unpräzises Musizieren, er „geht dann um“, wie man im Rheinland sagen würde, er wird einfach unerträglich. Sagt einer, der schon italienische Opernorchester Wagner hat spielen hören...

DER KLEINE OPERNTÄUSCHER

Sie können sich in der Pause als Emanzipationsfreund und Wagner-Kenner (oder noch besser: Wagner-Kennerin) gleichzeitig outen, wenn Sie den Meister zitieren können, der in seiner Schrift „Eine Mitteilung an meine Freunde“ zu Senta u.a. folgendes schrieb: „Erlösung kann der Holländer aber gewinnen durch – ein Weib, das sich aus Liebe ihm opfert; die Sehnsucht nach dem Tode treibt ihn somit zum Aufsuchen dieses Weibes“ und „Dies Weib ist aber nicht mehr die heimatlich sorgende...Penelope des Odysseus, sondern es ist das Weib überhaupt, aber das noch unvorhandene, ersehnte, geahnte, unendlich weibliche Weib – sage ich es mit einem Worte heraus: das Weib der Zukunft.“
Das heißt: die „Mission des Weibes“ ist „Selbstverleugnung und Hingebung“, wie es Franz Liszt, der Schwiegerpapa Richards, ausdrückte, und das nun hielt Wagner für das Weib der Zukunft! Wäre seine Musik nicht so genial, Frau Schwarzer wüsste Aufführungen des Fliegenden Holländers mit Sicherheit zu verhindern!
Man könnte natürlich auch un-emanzipatorisch der Senta ein massives Helfer-Syndrom unterstellen. Wo er, der Holländer, Liebe sagt, aber Erlösung vom Leid meint, spricht sie von Liebe, meint aber Helfen. Sie stolpert in eine der Trickkisten, die jede Sozialarbeiterin, jede Psychologin, jede Ärztin in Knast, Therapie oder Psychiatrie kennt: Die „Mir-Geht’s-Ganz-Schlecht-Und-Ich-Weiss-Nur-Eine-Die-Mir-Helfen-Kann-Und-Das-Bist-Du“-Kiste. So abgegriffen sie auch sein mag, sie funktioniert immer wieder. Wer das Helfer-Syndrom hat sucht jemanden, dem es noch dreckiger geht, dem er helfen kann. Da Helfen gut ist, ist man auch selber gut, wenn man hilft. Das weiß der Holländer, nutzt das aus und wird dadurch erlöst. Aber so haben Heine und Wagner dann wohl doch nicht gedacht, oder?

BEWERTUNGEN

MAGIE 5 Zauberhütchen
Gerade weil die Oper so abseits jeder Realität ist, entreißt sie uns auch dank der Musik in jene Zeiten, in denen es noch fliegende Holländer gab.

EROTIK 5 High Heels

Diese Mischung aus Verlangen, Unterwerfung, Sich-Anbieten, Hingabe bis zum Äußersten, Verstärkung der Forderung durch Verzicht auf sie und schließlich den Selbstmord als Opfertod – also mehr ist an Erotik in eine Beziehung nicht mehr hineinzupacken.

FAZZOLETTO 1 Taschentuch

Herrschaften, wir sind nicht in der lirica bei Bellini. Hier geht es um schicksalhafte Dinge, da ist für Rührung kein Platz, nur für Atemlosigkeit. Ein Taschentuch um bei den dramatischen leisen Stellen den Husten zu unterdrücken – wir sind ja immerhin in der rauen Salzluft.

GEWALT 5 Handschellen

Mehr kann man von einer Frau wohl nicht mehr verlangen, oder? Und das tut er auch noch mit so abgefeimten Mitteln wie z.B. der Zurückweisung des Opfers, damit sie sich auch ja vom Felsen stürzt! Tz tz tz!

GÄHN ---

Es muß jemand schon ein ausgemachter Anti-Wagnerianer sein, wenn er hier einschlummerte. Nur: Warum sind Sie dann in den Holländer gegangen? Ach, Sie haben Ihrem Mann dieses kleine Opfer gebracht? Na, dann nur nicht auf halbem Wege stehen bleiben!!

MORAL 5 Bischofsmützen

Das müssten aber eigentlich Märtyrerkronen sein, sie hat ihn ja auch erlöst!

EWIGKEIT 3 Heiligenscheine

Also die Ballade der Senta, der Spinnerinnen-Chor und der Matrosenchor: sicher auch in 5oo Jahren gern gegeben!

GOURMET 3 Sterne

In späteren Opern hat Wagner mehr Feinschmeckereien zu bieten

GESAMTWERTUNG 4 Operngläser

Ich sehe nicht, dass Wagner hier noch geübt hätte: der Fliegende Holländer ist spannende Oper, meisterhaft komponiert, in keiner Phase langweilig und ein Leckerbissen für alle Stimmen-Genießer.








Alle News im Überblick:

17.09.2009 Konzertkritik

25.05.2009 Konrad Beikircher: Von der Autowerkstatt in die Antike

20.01.2008 Benefiz

19.11.2007 Krefelder Krähe für Dieter Hildebrandt

15.08.2007 Balladen, Rock und viel, viel Liebe

13.04.2007 Bohème suprême

19.01.2007 Beitrag im Kölner Stadt-Anzeiger: Beethoven und die Segnungen des Rheinlands

07.12.2006 Die rheinische Neunte

30.08.2006 Mozart geht Essen mit mir

08.12.2005 Die ZEIT und die FAZ und der Don Camillo und ich

15.10.2005 Aalkönigs Inthronisierungsrede

06.10.2005 Beethovens Fidelio in Bonn

05.10.2005 General-Anzeiger Bonn zum Fidelio-Abend

02.09.2005 Rheinischer als ein Rheinländer

29.06.2005 Ab sofort im CD-Fachhandel (Vertrieb EDEL) erhältlich:

30.05.2005 Leska in Japan III

29.05.2005 Italienische Momente

24.05.2005 Leska in Japan II

05.04.2005 Leska B. in Japan

08.03.2005 Hanns Dieter zum 8o.

08.03.2005 "Ein Seufzer kostet einen Zehner und ein Gähnen deren zwo",

07.01.2005 Premiere "Altes und Neues zwesche Himmel un Ääd" und zum Hörbuch „Palazzo Bajazzo“

05.01.2005 Opfer der Flutwelle

05.11.2004 Rezensionen vom Online Musik Magazin

30.08.2004 Internview Kölner Stadtanzeiger: "Ich ging zur Demo, sie hat geputzt"

18.08.2004 "Man muss das Leben offensiv angehen."

06.08.2004 Ciao Ciao Bambina

23.06.2004 Start der neuen Website von Konrad Beikircher




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