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Krefelder Krähe für Dieter Hildebrandt

Die Krefelder Krähen sind eine Kabarettgruppe, die Kabarett macht - aber noch nie in die eigene Tasche. Alles, was diese munteren Vögel einspielen, geht an soziale Zwecke und damit stehen sie allein auf weiter Flur, denn meistens muß man sagen: Der gute Kabarettist sich selbst am nächsten ist. Die Krähen haben einen Preis gestiftet: die Krefelder Krähe. Und den hat in diesem Jahr der große Dieter Hildebrandt bekommen - für sein Lebenswerk, versteht sich. Wenn einer 8o ist braucht man nicht mehr auf Einzelheiten gucken. Mir wurde die große Ehre zuteil, die laudatio auf Dieter Hildebrandt halten zu dürfen. Weil sie ihm selbst so gefiel, daß er sagte, eine solche laudatio habe er noch nie bekommen, 'drucke' ich sie hier ab.

Krefelder Krähe
an
Dieter Hildebrandt
Lebenswerk




„Dann brauch ich wohl nicht mehr zu fragen, wie’s in Pfaffenhofen war...“





Es muß wohl 1961 gewesen sein, im Programm „Wähl den, der lügt“, in dem Dieter Hildebrandt einen Satz zu sagen hatte, der sich mir 16jährigen Südtiroler Schüler eingebrannt hat, daß er mir bis heute eine gewisse Verpflichtung geblieben ist. In einem Sketch zu den bayrischen Landtagswahlen – 2oo % CSU natürlich – gehen Klaus Havenstein, der unvergessene, Hans Jürgen Diedrich Ursula Noack und natürlich Dieter Hildebrandt die einzelnen Wahlergebnisse durch und beziehen sie auf die Namen der Orte.
Aus linker Sicht – damals kannte man in der SPD noch so was wie links und das Kabarett stand dem ziemlich nahe – wurden jedenfalls die Orte und ihre Ergebnisse immer niederschmetternder, da holt Dieter Hildebrandt zum Final-Schuß aus und sagt: „Dann brauch ich wohl nicht mehr zu fragen, wie’s in Pfaffenhofen war...“
Dieser Satz, hochverehrter Dieter Hildebrandt, ist Schuld, daß ich überhaupt hier stehe. Deshalb möchte ich in meiner Laudatio überhaupt gar nix zu Ihrem Lebenslauf und ihren Lebenswerk, für das Sie hier in Krefeld ausgezeichnet werden, sagen, das kann man alles viel viel besser bei Ihnen selbst nachlesen, vergnüglicher sowieso und natürlich auch aus erster Hand. Wer, wenn nicht Sie, soll denn Ihr Leben kennen.

„Dann brauch ich wohl nicht mehr zu fragen, wie’s in Pfaffenhofen war“ hat mich elektrisiert, hat mich richtig getroffen und mir die Augen geöffnet für den „richtigen“ Blick auf die Dinge des Lebens, den vergnüglichen, kabarettistischen, der scheinbar unzusammenhängende Dinge in den richtigen Zusammenhang bringt. Da saß ein Südtiroler Schüler, der in Bozen bei den Franziskanern in Internat und Schule war und das gerne,
der die Augen und das Hirn so verklebt hatte, daß er das noch nicht mal gemerkt hat,
der in der Jackentasche noch einen Fingerrosenkranz der Marianischen Kongregation trug – nicht etwa, weil er dauernd gebetet hätte, nein, sondern nur, weil die Franziskaner gesagt hatten, daß das so sein solle und, naja, wenn die das so sagen... –
da saß einer, der selbst wenn er über den sehr absonderlichen Dekan in Bruneck schimpfte, immer noch „der Herr Dekan“ sagte, dem also das Schimpfwort „Pfaffe“ wirklich fremd war
und da kommt „mein“ Idol, mein bewunderter Pointen-Paganini Dieter Hildebrandt, über den ich nur noch Karl Kraus stellte (und stelle) und neben dem ich nur Helmut Qualtinger dulde, da kommt der mir mit „„Dann brauch ich wohl nicht mehr zu fragen, wie’s in Pfaffenhofen war“.


Dieser Satz hat mir mit einem Schlag die ganzen südtirolischen und franziskanischen Schlafkrümel aus den Augen getrieben, dieser Satz hat die Nebel gelichtet, dieser Satz ist mir bis heute eine Art ganz privater Verpflichtung für etwas geblieben, das ich an Ihnen, lieber Dieter Hildebrandt, am meisten schätze und bewundere: den Blick auf die Wahrheit und den Mut sie auszusprechen.
Ich hab Sie ja schon als Kind kennen gelernt: 1953, da war ich acht Jahre alt und das erste Mal mit meinen Eltern in München. Ich sehe die Ruinen noch vor mir (Färbergraben, wissen Sie noch?) und die ständige Präsenz der amerikanischen Militärpolizei.
Mein Papa war ein großer Kabarett-Genießer und mich nahm er immer mit. Es war ihm vollkommen wurscht, wenn die Platzanweiser (vielleicht sogar auch Sie, in Ihrer Zeit als solcher in der Kleinen Freiheit, wo ich Ursula Herking Kästnertexte hab spielen sehen), es war ihm wurscht, wenn die Platzanweiser mich nicht reinlassen wollten, weil ich zu jung sei. „Ich komme aus Südtirol und da ist das kein Problem, der Bub bleibt also bei mir“ war seine stereotype Antwort. So war mir mit elf Jahren, ich rede jetzt von 1956, die Münchner Kabarettwelt schon ein bisschen vertraut. Natürlich habe ich kein Wort verstanden, ich konnte aber schon ein bisschen zuordnen, wer wohin gehört.
Da waren zum einen die so genannten Bunten Abende im Deutschen Theater, die dann kabarettistisch und groß waren, wenn Michl Lang mit Liesl Karlstadt Karl Valentin spielte. Da waren allerdings auch Fred Kraus als Conferencier, der Papa vom Peter, wo selbst ich gemerkt hab, daß das jetzt nicht wirklich Kabarett sein kann. Noch nicht mal Cabaret!


Die Garnierungen dieser Bunten Abende waren auch recht eigenwillig: der Blädel Schorsch fiel für mich mehr unter Ur-Viech und Adolf Gondrell schien aus einer anderen Zeit zu kommen, so elegant hat er formuliert.
Und zum anderen waren da die Abende in der „Kleinen Freiheit“ und in der „Zwiebel“. Michael Burk und Fritz Korn. Wissen Sie noch? Michael Burk:
„Die Tante Mia,
die war früher
wirklich xund beieinand’,
die Tante Mia,
die war früher,
wirklich Klasse.
Doch heute hat die
Tante Mia
Etliche Pfund beieinand’
Ja heute ist die Tante Mia nur noch Masse!“
Alles tolles Kabarett, alles wunderbar und noch in Bozen konnte ich davon erzählen. Aber: alles irgendwie erwartet, nicht wirklich groß, nichts wirklich Neues.
Und dann sind wir Ende 1956 wieder in München. Im Hotel Drei Löwen in der Schillerstrasse, wo wir immer waren, hatte uns Herr Kirmayer, ein Portier der alten Schule, schon Karten für ein neues Kabarett-Theater besorgt, er kannte die Vorlieben meines Vaters. „Da müssen Sie hin, die sind ganz neu und schon die Besten!“
Und wir sind hin: in die Münchner Lach- und Schießgesellschaft und da stand nun ein junger Kabarettist auf der Bühne, neben dem alle anderen plötzlich verblassten, und das hab sogar ich mit meinen elf Jahren gemerkt: Dieter Hildebrandt.




Da stand einer auf der Bühne, der die Texte, die er sprach, offensichtlich lebte. Seine Aufregung über die Zustände war echt, sein Lachen giftig, seine Sprache brillant, seine Pointen zielgenau und seine verschluckten Sätze genial. Keiner hat – und das ist ja bis heute so – mit verschluckten Sätzen und Pausen solche Wirkungen erzielt wie Sie. Vielleicht haben Sie den Dr. Murke deshalb so wundervoll spielen können - Sie wissen schon: Heinrich Böll und Dr. Murkes gesammeltes Schweigen! Vielleicht findet sich ein Sammler, der aus Ihren Aufnahmen genau diese Stellen heraussucht und auf CD veröffentlicht – das wäre ein grandioses Unternehmen in unserer so geschwätzigen Zeit.
Und dann der Hammer: der Auftritt nach der Pause. Dieter Hildebrandt kommt raus, beinah privat, und bittet um ein Stichwort. Einen der Zurufe greift er auf und dann legt er los: ohne Punkt, ohne Komma improvisiert er los, daß allen nur der Mund offen stehen bleibt. 15 bis 20 Minuten. Natürlich fielen einem da nur noch Sätze ein wie „Feuerwerk“ oder – so lange war der Krieg ja noch nicht vorbei – das unvermeidliche „Maschinengewehr“. Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich nur daran denke. Ich habe, wie gesagt, inhaltlich sicher kaum 1o % verstanden. Was ich aber verstanden habe, ist, was Kabarett sein kann und sein muß und daß ich das hier in Vollendung sehen kann. Besorgen Sie sich doch mal im Antiquariat die kleine 45er Single: „Haben Sie was zu verzollen?“, das ist eines dieser genialen, berühmten Hildebrandt-Soli aus den ersten Jahren, und Sie bekommen eine Ahnung davon, wie einmalig damals schon unser Preisträger war.




Dann aber kam noch etwas dazu, was ihn in meinen Augen endgültig aus der Reihe der Kabarettisten heraus katapultierte, aus einer Welt, in der der Gag gerne ein Eigenleben führt, und das nicht immer im Sinnzusammenhang mit politischen Gegebenheiten. Was ich meine, möchte ich an einem Beispiel erzählen: Notizen aus der Provinz. Die große satirische Sendung im ZDF. Ich stehe zu Hause am Bügelbrett und gucke. Notizen aus der Provinz war natürlich ein Muss für den Psychologen aus dem Knast in Siegburg. In einer der Sendungen nun ging es um den Prozess gegen einen der Nazi-Schergen aus Auschwitz. Seit ein oder zwei Tagen schon hatte ich mich – wie viele – fürchterlich darüber aufgeregt, daß das Gericht ihm, der die Zyklon B Dosen in die Dusche geschoben hatte – mildernde Umstände attestiert hatte, und zwar mildernde Umstände aus einem makaberen Argument des Täters heraus: er habe in der ganzen Zeit, in der er diese Arbeit habe verrichten müssen, immer darauf geachtet, statt einer jeweils zwei Dosen Zyklon B aufzumachen.
So habe er die Sterbezeit der Opfer von drei auf anderthalb Minuten senken können, was ihm ein menschliches Anliegen gewesen sei.
Dieter Hildebrandt zitiert nun ruhig, nein, beinahe wohlwollend diese Passage aus dem Urteil, neben sich eine große Stoppuhr. Dann sagt er: “Jetzt wollen wir mal sehen, wie lange das ist – anderthalb Minuten“ und setzt die Stoppuhr in Gang. Volle anderthalb Minuten passiert nichts, außer daß sich der Zeiger bewegt. Was aber in diesen anderthalb Minuten in meinem, in unseren Köpfen passiert ist, ist nicht zum Sagen. Du warst plötzlich wirklich in der Gaskammer und hast in diesem Moment eine Ahnung davon bekommen, was für ein ungeheures Verbrechen das in Wirklichkeit war.


Dieses Bild hat die Größe von „Die letzten Tage der Menschheit“, nur: es ist noch wirkungsvoller als das Stück von Karl Kraus und es lässt Dich ein Leben lang nicht mehr los. Und das, meine Damen und Herren, kann kein Kabarett, das kann nur die Satire, die große Satire.
Für mich, hochverehrter Dieter Hildebrandt, waren Sie immer und sind Sie mehr denn je ein Mensch, dessen integere Moralität – unbeeinflusst von Institutionen wie Kirchen oder Parteien – Sie zum großen Satiriker gemacht hat und dessen klarer Blick auf die Welt uns die Menschen schildert, wie sie wirklich sind – gepaart mit dem wärmenden Wissen: bessere werden wir wohl nicht mehr rein bekommen!
Ehren Sie mit mir in Dieter Hildebrandt einen großen Kabarettisten, noch mehr aber einen großen Satiriker, der uns sagt, wie wir sind, uns dann aber in den Arm nimmt und mit uns über uns und sich selber lacht. Und nur das, meine Damen und Herren, bringt einen auf neue Gedanken. Immer wieder. Dann brauch ich auch nicht mehr zu fragen, wie’s wohl in Pfaffenhofen war...
Danke, Dieter Hildebrandt.




Alle News im Überblick:

17.09.2009 Konzertkritik

25.05.2009 Konrad Beikircher: Von der Autowerkstatt in die Antike

20.01.2008 Benefiz

19.11.2007 Krefelder Krähe für Dieter Hildebrandt

15.08.2007 Balladen, Rock und viel, viel Liebe

13.04.2007 Bohème suprême

19.01.2007 Beitrag im Kölner Stadt-Anzeiger: Beethoven und die Segnungen des Rheinlands

07.12.2006 Die rheinische Neunte

30.08.2006 Mozart geht Essen mit mir

08.12.2005 Die ZEIT und die FAZ und der Don Camillo und ich

15.10.2005 Aalkönigs Inthronisierungsrede

06.10.2005 Beethovens Fidelio in Bonn

05.10.2005 General-Anzeiger Bonn zum Fidelio-Abend

02.09.2005 Rheinischer als ein Rheinländer

29.06.2005 Ab sofort im CD-Fachhandel (Vertrieb EDEL) erhältlich:

30.05.2005 Leska in Japan III

29.05.2005 Italienische Momente

24.05.2005 Leska in Japan II

05.04.2005 Leska B. in Japan

08.03.2005 Hanns Dieter zum 8o.

08.03.2005 "Ein Seufzer kostet einen Zehner und ein Gähnen deren zwo",

07.01.2005 Premiere "Altes und Neues zwesche Himmel un Ääd" und zum Hörbuch „Palazzo Bajazzo“

05.01.2005 Opfer der Flutwelle

05.11.2004 Rezensionen vom Online Musik Magazin

30.08.2004 Internview Kölner Stadtanzeiger: "Ich ging zur Demo, sie hat geputzt"

18.08.2004 "Man muss das Leben offensiv angehen."

06.08.2004 Ciao Ciao Bambina

23.06.2004 Start der neuen Website von Konrad Beikircher




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